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Schöne Dinge fragen nicht nach Aufmerksamkeit, das war auch die Philosophie der jungen Russin, dem aufstrebenden Stern am russischen Firmament, die sich mit ihrer scharfen Zunge gewiss das ein oder andere Mal auf Glatteis bewegte und doch Bescheidenheit an den Tag zu legen pflegte. Die Arkadjewna vertraute in dieser Hinsicht voll und Ganz auf ihr Selbstbewusstsein, Charme und gesunden Menschenverstand. All dies schaffte es, sie aus brenzligen Situationen zu retten, wenn die Schauspielerin sich einmal wieder mehr als Meisterin des Fettnäpfchenwetthüpfens entpuppte. Doch eine innere Stimme flüsterte ihr, dass sie in der Gesellschaft des jungen Politikers nichts zu befürchten hatte. "Sie verzeihen mir mein freches Mundwerk, Herr Charkow?" Süß war die Stimme der jungen Frau, voller Unschuld und so manch einer mochte sich in diesem Moment vielleicht fragen, wie unschuldig die Worte, die der Arkadjewna über die schön geschwungenen Lippen drangen, tatsächlich sein konnten. Der Politiker war dennoch bestrebt, sich die Neckereien der jungen Schauspielerin nicht gefallen zu lassen und suchte stattdessen nach den passenden Worten, sich zu erklären. Den Göttern - wie heidnisch - sei er misslungen, woraufhin die Dunkelhaarige in stummer Süffisanz die Lippen kräuselte. Sie empfand die Tatsache, dass der Sprössling der Charkows sich und seine Fähigkeiten in einem klaren Licht sah und seine eigene Grenzen erkannte, als äußerst erfrischend. Nicht selten fand sich die Arkadjewna im Dialog mit eingebildeten Schnöseln, denen Bescheidenheit und Ehrlichkeit ein absolutes Fremdwort war. "Doch ich bin froh, dass Sie mir heute die Führung vertrauensvoll übergeben. Ich verspreche, Sie sollen dies nicht bereuen." Anna schenkte dem Jungen Charkow ein letztes Lächeln, ehe sie ihren Worten selbst Taten folgen ließ und die Führung erneut übernahm. Stunden hätte die junge Frau in der Zarenloge verbringen können, ebenso wie auf der Bühne, insbesondere, wenn sie sich ein einer angenehmen und erfrischenden Begleitung befand. Wenn ihre Arbeit getan war, dann fand sie sich nur zu gerne hier wieder, um den anderen Schauspielern und Dramaturgen bei Ihrer Arbeit zuzusehen und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Dabei wurde der Kopeke jedes Mal aufs neue in einem Moment der Stille bewusst, dass ein jeder auf der Bühne sein eigenes Leben hatte, dem er auf irgendeiner Art und Weise zu entfliehen versuchte. Doch heute galt die Aufmerksamkeit der jungen Frau ausschließlich und alleine dem dunkelhaarigen Mann zu ihrer Seite, der sie mit Poesie und geübter Stimme beeindruckte, und zugleich mit seinem Einfluss und Geld zum Erfolg des Theaters beitragen sollte . Die Arkadjewna machte keinen Hehl aus ihrer Überraschung und war sich jedoch gleichzeitig nicht zu schade, die zauberhaft vorgetragenen Verse aufs vollste zu loben. Die Lippen des Mannes kräuselten sich, was dem vorhergehenden Beitrag nur noch entzückender hinterließ. „Sie ehren mich, Anna Arkadjewna. Liegt die Kunst des Lebens aber nicht genau darin, sich niemals zur Gänze zu zeigen? Stille Wasser sollten bekanntlich tief sein." Die Arkadjewna ließ ihren Kopf sanft von einer zur anderen Seite fallen, konnte sie dem Politiker nicht vollends zustimmen. "Jedes menschliche Wesen stellt ein tiefes Geheimnis für alle anderen dar, bis dieses Geheimnis jemanden anvertraut wird - " Stellte sie friedlich und mit klarer Stimme fest, während sie sich erneut umwandte und dem regen Treiben des letzten Aktes beobachtete. Bald würde alles vorbei sein und dann würden auch ihre Kollegen ihr Hab und Gut zusammen packen, um den Abend in der Stammkneipe ausklingen zu lassen. "- dann besteht die Möglichkeit, dass zwei Wesen sich entdecken. " schloss sie ihre leicht romantisch beseelten Gedanken kurzerhand ab, ihr Antlitz dem Politiker zuwendend und diesen neugierig und ohne Hehl musternd. "Ich komme nicht umhin mich zu fragen, wie tief Ihr Wasser ist, Herr Charkow?" fragte sie, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten, die Seelenspiegel leicht zusammenkneifend, während einer ihrer Mundwinkel in die Höhe zuckte. "Nun, es ist sicherlich einen Sprung ins kühle Nass wert." Ein wissendes Zwinkern ihrer grünen Augen begleitete ihre abschließenden Worte, ehe sie sich auf ein Neues von den unentdeckten Talenten des Mannes überraschen ließ. Der Politiker ließ auch nicht lange auf sich warten und zitierte mit wohl gewählten Worten Puschkin, was sofort das Interesse der jungen Schauspielerin weckte, hegte sie eine stille Leidenschaft für die Künste des Mannes und erschien sofort Feuer und Flamme zu sein. „Ich bin für das Schauspielhaus nicht geeignet. Ich bringe nicht die nötige Muse mit, fürchte ich. Zudem möchte ich die Feder, die mein Leben beschreibt, selbst in der Hand halten, als die Werke anderer zu durchleben“. Der Politiker suchte sich zu Annas Kommentar, er möge seine Berufung überdenken, zu erklären, was der Schauspielerin ein Lächeln entlockte. Sie selbst könnte sich nicht vorstellen, ein einziges Leben zu leben. Jedes einzelne Leben, in das sie über kurz oder lang schlüpfte bereicherte die Dunkelhaarige in gewisser Weise und sie war überzeugt, dass jedes einzelne fiktive Leben ihr die Möglichkeit bot, ihren eigenen Horizont zu erweitern.  Willenlos gab sich die Frau in die Hände des Autors. Ließ sich vom Regisseur in Ketten legen nur, damit ihrem Geist Flügel wachsen konnten. Flügel, die sie in die Ferne trugen. Die sie für Leibe kämpfen und für Liebe sterben ließen. Muttermord. Vatermord. Das Drama spitzt sich zu und mit angehaltenem Atem lauscht der Saal dem Flügelschlag. Die ganze Welt für sich erfahren; viel mehr fühlen. “Ich möchte so viel mehr, als bis jetzt schon geschehen ist“ Leise gab die Künstlerin ihre Sehnsucht preis. Eine tiefe Sehnsucht, die vielleicht der Schlüssel zu ihrem Erfolg war, denn er ließ ihr Publikum glauben und fühlen, sie habe den einen verzauberten Prinzen getroffen; auch wenn Anna dies erst in Kapitel drei in Erfahrung bringen sollte. "Dies überlasse ich Künstlern wie Ihnen, die mehr davon verstehen und wissen, wann es sich für eine Rolle zu sterben lohnt“ Auch die Frau stimmte gelöst in das Lachen des Mannes mit ein, seine Hand in vollkommener Zustimmung drückend. “Sie haben Recht. Sterben will geübt sein und ein Politiker wie Sie es einer sind, darf im Kabinett nicht fehlen!“ - „Eine Dame Ihres Standes sagte mir dereinst, als ich noch an den Anfängen meiner Arbeit stand, ich spreche wie ein Karpfen ohne Wasser“ Ein weiteres, entspanntes Lachen konnte sich die Arkadjwena bei Weitem nicht verkneifen. Viel zu entspannt war ihr Gemüt im selbigen Augenblick und viel zu Wohl fühlte sie sich mit ihrer aktuellen Gesellschaft, als dass sie sich den Spaß hätte verderben lassen wollen. “Ich bin überzeugt, meine geschätzte Kollegin übertrieb es maßlos. Und sollte dem nicht der Fall gewesen sein, so hat sie hervorragende Arbeit geleistet. Keineswegs könnte man bei Ihren Reden an einen bärtigen, gestrandeten Karpfen denken!“ Ein letzter, sehnsüchtiger Blick glitt über die Bühne. Die Dunkelhaarige reckte ihr Kinn etwas in die Höhe, tief einatmend und nicht vergessend während der aufstrebende Politiker die strebsame Schauspielerin ausdrücklich dazu ermunterte einer öffentlichen Runde beizuwohnen. Ein zustimmendes Nicken folgte, ehe sich die Grande Dame des Theaters erneut bei dem Herren einhackte und ihn mit einer ausladenden Geste erneut zur Tür bat, um die Zarenloge schweren Herzens wieder zu verlassen. “Gewiss werde ich mir Ihren Rat zu Herzen nehmen. Ich werde das Theater höchstpersönlich ins Rathaus bringen, sodass die wichtigen politischen Entscheidungen, wieder am richtigen Ort getroffen werden – Wenn Sie mir bitte folgen würden … “Anna Arkadjewna trat aus der Zarenloge zurück in das einladende Foyer des Theater. Es schien, als würde eine plötzliche Kälte sie umgeben und ihre Wirbelsäule empor kriechen. Kalte Finger des Winters, die nach ihr Griffen und die feinen Haare im Nacken zu Bergen stehen ließen. Den Rundgang fortsetzend, jedoch langsam aber sicher auch einem Ende entgegenblicken, sinnierte die Schauspielerin über die letzten Worte des dunkelhaarigen, hochgewachsenen Mannes zu ihrer Seite. “Ich habe eine sehr hohe Meinung von Pushkin, wie könnte ich nicht? Doch ich habe auch vor Michail große Achtung. Er gab mir die Möglichkeit zu der Person zu werden, die ich heute bin. Ohne ihn hätte ich vielleicht nie diese zauberhafte Gelegenheit bekommen, Sie durch unser schönes Theater zu führen.“ Anna hatte beim Sprechen den Kopf leicht schräg gelegt, sodass das lange, dunkle Haar weit über Rücken und ihre schmalen Schultern fiel. Die leicht philosophisch angehauchte Frage Annas schien den jungen, wortgewandten Politiker tatsächlich aus der Fassung zu bringen. Seine scharf geschnittenen, markanten Gesichtszüge schienen für einen kurzen Augenblick zu entgleisen und es schien, als würden seine Gedanken auf der Suche nach einer passenden Antwort wie Gewehrsalven durch seinen Kopf schießen. “Ich habe Sie doch nicht etwa aus dem Konzept gebracht?“ lautete ihre leiste Frage, die keiner Antwort bedarf, hüllte sich der Politiker zunächst noch in ein nachdenkliches Schweigen. „Geben Sie mir einen Anhaltspunkt. Oder beantworten Sie die Frage für mich – üben Sie sich in Phantasie?“ Auch Anna ließ es sich während der abschließenden Führung nicht nehmen, sich einen kurzen Augenblick lang Gedanken zu machen und den Mann zu ihrer Seite nicht sogleich mit einer Antwort zu belohnen. Doch es dauerte nicht lange, da folgte auf die Frage, die er ihr zurück gestellt hatte, ein kurzes, bestätigendes Nicken. “Selbstverständlich. Jeden Tag auf ein Neues. Streichen Sie die Phantasie fort und die meisten Genüsse unsres Daseins sind nicht mehr des Erwähnens wert.“ Sinnierte die junge Frau vor sich hin, den Herren mit sanfter Gewalt weiter durch das Prunkstück Moskaus führend. “Aber Phantasie benötigt Zeit, daher ist es keine Schande, wenn Sie keine passende Antwort parat hatten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man die schönsten und vielseitigsten Künste erst im Laufe der Zeit zu schätzen lernt. Vielleicht ist es mit der Politik ganz ähnlich?“ Eine weitere Treppe, ein weiteres, einladendes Foyer und ehe sich das ungleiche Paar noch weiter in einem Gespräch vertiefen konnte, fand es sich auch wieder am Haupteingang zum Theatersaal wieder. Ein leises Seufzen glitt der Schauspielerin über die geschwungenen Lippen, das Bedauern über die sich dem Ende zuneigende Führung zum Ausdruck bringend. Die Schauspieler auf der Bühne hatten sich bereits für den Abend zurück gezogen und verbrachten nun entweder ihren Feierabend gemeinsam in einer der Garderoben oder zogen durch die Stadt, auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer und Sinnesaustausch. “Bedauerlicherweise weiß ich nicht, wo Michail sich aufhält. Wenn es Ihr Wunsch ist, werde ich nach ihm Suchen. Für ein abschließendes Gespräch?“ Mit wenigen ungekünstelten Worten bot Anna ein weiteres mal höflichst ihre Dienste an und schenkte dem Financier des Theaters einen erwartungsvollen Blick, geduldig auf seine Entscheidung und Antwort wartend. Schließlich lag es nun in seiner Hand, ob sie die Hauptrolle erhalten würde oder nicht.
auld.lang.syne am 21.2.16 17:31


(Jedoch habe ich mir sagen lassen, dass die Schauspielerei – im Gegensatz zu der Politik – ein gewisses Talent erfordert. Aber dazu können Sie bestimmt mehr sagen. Ein Mann in ihrer Position ...“ – sie sprach mit der geübten Unverbindlichkeit einer Dame, deren Zuhause die Bühne war, eine gewisse herzliche Koketterie einstreuend, um der Brisanz ihrer Worte die Schärfe zu nehmen, mit welcher sie wohl necken wollte, wenngleich sie sich auf glattes Eis begab, daran konnte auch ihre Ausbildung als Schauspielerin nichts ändern. Es gab Leute, die darüber lachen mochten, weil sie sich vom galanten Finger der Schönen eingewickelt sahen und die Aufmerksamkeit jener um keinen Preis verlieren wollten, er hingegen war, was solche Dinge betraf, recht eigen. Man wickelte ihn nicht ein. Entweder weckte man sein Interesse durch ansprechende Gesprächsthemen oder auch nicht – ein reizendes Gesicht auf einem ansprechenden Körper war nicht allein das, wofür es sich zu mühen lohnte. Zumindest nicht, um jene Venus länger an sich zu halten als das Bett vorgesehen hätte. Er mochte keine Frauen, deren bloßes Öffnen des Mundes ihm Kopfschmerzen bereitete, eine Tatsache, weshalb er General Eugen Evgenjewitsch um dessen Angetraute Varya bemitleidete, doch der arme Tropf hatte sich sein Schicksal selbst erwählt, als ihm die Wolgatochter einen Sohn geboren hatte, der auf keinster Weise Eugen ähnelte; einfältig, wer ein Tor war. Doch alle waren glücklich! Varya hatte ihren wohl verdienenden General, Eugen seine kakophonische Xanthippe und der kleine Sascha einen falschen Vater, der kein Säufer aus dem Hafenviertel war. Dazu gab es nichts mehr zu sagen. Um aber auf den Punkt des Gesagten zurückzukommen sei angemerkt, dass es sich bei Anna nicht um eine solch erwähnte Frau handelte, allerdings ließ er sich auch nicht an der Nase herumführen und von derlei Phrasen necken: "Ich bin den Göttern misslungen, drum kein Dramaturg - mein Kleinod ist es, zu führen, meine Dame. Doch die Antwort ist: Ja, gewiss. Drum hat man einen Schauspieler auch schon einmal auf dem Zarenthron gesehen", die spöttelnde Erwiderung sarkastischen Untertons bot ihrer herzlichen Stimme Paroli, da er im Begriff war, ob ihres Blickes, der seine Gestalt suchte, eine Braue zu heben, indes er selig lächelte und ihr ein vages Nicken zukommen ließ, auf dass sie weitergehen möge.)

 

Auf ihre Schuhe hatte er bisweilen nicht geachtet. Sie könnte einen Gläsernen solchen tragen oder gar vollkommen barfüßig sein, ihm wäre es schlicht entgangen, da er es zumeist versäumte, seinen Mitmenschen auf ihre Schuhe zu schauen, sofern es sich nicht gerade um einen Militär hohen Ranges handelte, dessen Stiefel aussahen, als habe man damit in den schlammigen Tiefen der Newa nach Gold gefischt. So musste sich Anna zumindest des blauen Futters ihrer alten Schnürschuhe nicht schämen, denn selbst wenn er irgendetwas in diese Richtung bemerkt haben sollte, so hatte er sich höflich nicht weiter dazu geäußert. Stattdessen hatte er sehr wohl ihr heiteres Gemüt bemerkt sowie die feinen Sommersprossen, die sich, je nach Mimik, tänzelnd über ihre Nase zogen – sie spielte ihre Rolle gut. Michail den Wind aus den Segeln nehmend und dessen Vorsicht dahingehend eindämmend, da sie sich dem Financier gegenüber so verhielt, wie man es von einer tüchtigen Geschäftsdame erwarten durfte, der daran gelegen war, ihre Arbeit gut an den Mann zu bringen. Es gab ausschließlich das Bolschoi und dessen mit Stuck verzierten Decken, die exquisiten Lüster, Gemälde an den Wänden und die Herrschaften, die hier bereits aus und eingegangen waren und das bevorstehende Stück, natürlich, andernfalls wäre eine längere Unterredung kaum von Nöten. Es musste sein, dass sie die Hauptrolle bekam! Einfach, weil sie sie war und es in diesen Hallen nichts Strahlenderes gab, womit Michail aufwarten konnte, um dem Financier das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Fassade hielt und niemand ahnte auch nur im Ansatz, was eigentlich dahintersteckte; dass er die Kopeke in der Diamantmine bereits kannte, besser noch, als man ihnen zusprechen mochte. Ob er sie vermisst hatte? Nein. Aber er hatte oft genug daran zurückgedacht, um Anastasias Wunsch nicht vollkommen abgeneigt gewesen zu sein.


Und nun standen sie hier. Er hatte die Balustrade bequem im Rücken, da er sich nonchalant gegen das glatte Marmor lehnte, die Arme vor der breiten Brust verschränkt habend und in das attraktive Gesicht der Arkadjewna blickend, deren Ausdruck eine perplexe Überraschung verriet, die ihn beinahe hätte lächeln lassen. Es war ihm zwar nicht daran gelegen gewesen sie in irgendeiner Art und Weise zu beeindrucken, nun aber, da er den Nebeneffekt bemerkte, konnte er nicht umhin sich geschätzt zu fühlen, wenngleich er wusste, wozu er imstande war. Andernfalls wäre er ein schlecht beratener Politiker mit durchschnittlicher Präsenz und einer ebenso langweiligen Aussicht auf Erfolg. Dennoch – oder aber gerade deshalb, um den Schein zu wahren - nahm er mit einem Senken des Kopfes ihr Kompliment, er habe sie auf ein Neues überrascht, entgegen, und die Winkel seines Mundes kräuselten sich eines spielerischen Amusements: „Sie ehren mich, Anna Arkadjewna. Liegt die Kunst des Lebens aber nicht genau darin, sich niemals zur Gänze zu zeigen? Stille Wasser sollten bekanntlich tief sein“, und er spielte niemals mit offenen Karten. Der Trick war, die Menschen denken zu lassen, er täte es – sie sollten sich sicher bei ihm fühlen, geborgen und verstanden. Menschen, die sich wohl fühlten, erzählten viel. Geheimnisse waren es, die ihn seit jeher interessierten und Geheimnisse waren es auch, die einem Staatsmann das Genick brechen konnten; und je mehr man über die Geheimnisse eines anderen wusste, desto heißer wurde das Spiel. Alexej hingegen bemühte sich stets um seine weiße Weste. Leider musste es ihretwegen auch sein, dass er sich eine geeignete Frau an seine Seite holte, eine mit rechtschaffener Reputation, einem makellosen Hintergrund und im besten Falle sogar mit politischen Kontakten. Im Grunde wäre Maija Chairowa die perfekte Kandidatin dafür, die Nichte des Zaren, die Taube auf dem Dach. Sie gefiel ihm nur leidlich, die blonde Hoheit, aber sie brachte von Haus aus alles mit, wonach er suchte und er wusste, dass er sich langsam daran machen musste, der beliebten Unverheirateten den Hof zu machen, bevor die Konkurrenz es zu bunt trieb. Mit Sicherheit hatte sein Ruf auch bereits ihre erlauchten Ohren erreicht: ein einflussreicher und konsequenter Adliger aus gutem Hause, ein erfolgreicher Heerführer, der sich auch der Bekanntschaft des Zaren sicher war sowie der Aufmerksamkeit allerhand Frauen alleinstehenden Standes. Man munkelte unter geschwungenen Spitzenfächern, dass so manches Mädchen Rubel en masse hatte rollen lassen, um sich die perfekte Garderobe maßschneidern zu lassen, nur, damit der Charkow sie beachten möge. Mit wenig Erfolg, wie es schien, schließlich war besagter Adliger noch immer unverheiratet und der goldene Ring befand sich noch immer in der Schatulle im linken Fach seines Schreibtisches, ach.


Er musterte die Dunkelhaarige vor sich, sie war ob ihrer Worte errötet, und trat nun näher auf ihn zu – die sanfte Dynamik dieser Bewegung ließ ihn die Pomade ihres MakeUps sowie ihr Parfum erahnen und indes sie die Hand auf die Balustrade legte, wandte er seinen Blick von ihrem feinen Profil ab, ehe er diesen über seine Schulter und hinunter warf: der Trubel um den Hund war gelegt, Gott sei es gedankt. Er schwieg für einen Moment, während er den Kopf zurück nach vorne richtete, um das Augenmerk gen Zarenloge schweifen zu lassen: „Meine Berufung“, sinnierte er ruhig: „Ich bin für das Schauspielhaus nicht geeignet. Ich bringe nicht die nötige Muse mit, fürchte ich. Zudem möchte ich die Feder, die mein Leben beschreibt, selbst in der Hand halten, als die Werke anderer zu durchleben“, er behielt für sich, dass auch seine Schwester ihm dereinst, wenn auch aus einem Scherze heraus, jenen Vorschlag hatte angedeihen lassen, nachdem sie seiner feurigen Ansprache einer öffentlichen Rede beigewohnt hatte. Er war gewaltig und feinsinnig in Wort und Intonation sowie im Sinnen und Trachten seines Handelns. Aber er wollte Russland nach seinem guten Willen führen und nicht dessen Bürger dazu bringen, öfter ins Theater zu gehen. "Dies überlasse ich Künstlern wie Ihnen, die mehr davon verstehen und wissen, wann es sich für eine Rolle zu sterben lohnt“, ein leises, tiefes Lachen entglitt seiner Kehle, als er vollkommen unverbindlich weiter plauderte: „Eine Dame Ihres Standes sagte mir dereinst, als ich noch an den Anfängen meiner Arbeit stand, ich spreche wie ein Karpfen ohne Wasser“, und Maria Ivanovna Kugarina hatte das vollkommen ernst gemeint. Dann verlagerte er das Gewicht von einem Bein auf das andere, um die Füße auf Knöchelhöhe zu überkreuzen: „Was alles im Übrigen nichts damit zu tun hat, dass politische Fragestellungen hier ...“, er nickte allumfassend gen Loge: „... besprochen werden, anstatt in den Marmorsälen der Rathäuser. Wir verbringen nur gerne unsere Zeit in Theatern“, ein Lächeln wetzte sich an seinen Mundwinkeln entlang: „Haben Sie schon einmal einer Öffentlichen Runde beigewohnt? Wenn nicht, möchte ich Sie ausdrücklich dazu ermuntern, dann wüssten Sie alsbald, worauf ich anzuspielen gedenke.


Jedoch hätte er nicht gedacht, dass seine zufällige Wahl des Gedichts eine derartige Wirkung haben könnte, weshalb er innerlich lächeln musste, schließlich hatte er es mit einer Schauspielerin zu tun, einer fabelhaften wohlgemerkt, und keinem Laien. Selbstverständlich musste sie für dieses Thema schwelgen, ein Grund, weshalb er es überhaupt angesprochen hatte, ihre Reaktion überraschte ihn dennoch und er ließ sie gerne gewähren, indem er sie ausreden ließ und ihr bei der kleinen Schwärmerei zuhörte. Schön, wie und für was sich Menschen begeistern konnten, etwas, das er auch an Nastya hatte sehen dürfen, und deshalb hatte sie ihm auch Puschkin zum Lesen gegeben, erheiternd, dass er davon so rasch hatte Gebrauch machen können. Bezüglich ihres poetischen Kommentars der Liebe wegen äußerte er sich gleichfalls nicht, da für ihn das Kind bereits in den Brunnen gefallen war und er kaum den Erwartungen und Wünschen seiner Mitmenschen gerecht werden konnte, allen voran nicht jenen des anderen Geschlechts.


Erneut umfing ihn die Note ihres Odors und er atmete ruhig ein, da sie sich direkt zu ihm gesellte, ebenfalls den Rücken an die Balustrade gelehnt, so dass er sich des abermaligen Errötens ihrer nicht gewahr werden konnte, als sie ihren Fauxpas, der im Wesentlichen keiner war, zu ausschweifend gesprochen zu haben, bemerkte. Sie setzte ihrer Schwärmerei ein jähes Ende. Nachdenklich eine Braue hebend, neigte er den Kopf erst in eine seichte Schräge, ehe er zu ihr herübersah, ihr Profil ob ihrer Blickkontaktweigerung in Augenschein nehmen könnend, er schmunzelte: „Ich kann zwar nun nicht sagen, ob Ihre Meinung über Pushkin oder doch die über Michail die größere ist, aber ich nehme Ihren Rat gerne und dankend entgegen. Sobald wir unseren Rundgang beendet haben, werde ich ihm meinen Entschluss äußern können“, und er nahm den Blick nicht von ihr, ohne dabei ein starrendes Gefühl zu hinterlassen, da das, was sie ihn im Anschluss daran gefragt hatte, ihn ehrlich verblüffte: „Phantasie?“, wiederholte er überrascht, mit Fug und Recht behaupten könnend, dass man ihn schon vielerlei Dinge gefragt hatte, nicht jedoch dieses. „Nun, ich ...“, begann er überlegend, die dunklen Brauen herabziehend und sich sichtlich Gedanken darüber machend, anstatt ihre Frage als lächerlich zu empfinden und abzuwinken. Im ersten Moment dachte er natürlich an jene kindliche Spielart sich die Welt auszumalen und Gefallen an Erfundenem zu finden, obgleich er davon ausging, dass sie womöglich nicht diese Art von Phantasie gemeint hatte. Als Zweites musste er wohl daran denken, was nun sein Bruder antworten würde, um zu schockieren: selbstverständlich übte er sich in Phantasie! Ansonsten wäre es alleine doch recht mühsam und langweilig. Etwas, was Dimitri stets den Männern zugeschrieben hatte, sofern es nur weich, gerundet und anschmiegsam war. Nastya hingegen würde den kindlichen Charme an der Phantasie verteidigen, das Ausmalen der eigenen Zukunft, der eigenen Hochzeit, der eigenen Kinder, … und Alexej, wovon träumte er? Macht? Irina? Er schüttelte vage den Kopf, gespielt resigniert die Braue hebend: „Geben Sie mir einen Anhaltspunkt. Oder beantworten Sie die Frage für mich – üben Sie sich in Phantasie?

auld.lang.syne am 3.1.16 16:27


Was für ein einfacher und doch schöner Zauber, wenn der aufgewirbelte Staub der Bühne und Vorhänge im warmen Licht der Kerzen die Sicht zu vernebeln schien, beinahe wie der Schnee vergangener Jahre, in dem die Arkadjewna getanzt hatte, während der Mond sanft in ihrem dunklen Haar gefunkelt hatte. Sie sah es vor ihrem geistigen Auge, sternenklar, als wäre es erst in der letzten Nacht so gewesen während die Klänge des Walzers sanft in ihrem Ohr nachhallten und sich schließlich auf ihren Lippen wiederfanden. Seine Haut und sein Stolz blieben ihr nicht lange und doch wollte sie kein Zaubermittel, dass ihn sie liebend machte, für länger als nur eine Nacht. So war es, dass ihre Arme seitdem leer blieben, ihre Finger strichen nicht über den nackten, starken Rücken des Mannes. Doch es sollte kein Verlust sein und auch ihre Seele geriet nicht in Not über die wenigen, kurzen Augenblicke, die wie ein strahlendes Licht erschienen, dass das Leben der Schauspielerin in der kalten Garderobe erhellte. Wie der glückliche Zufall es wollte, hatte der letzte kalte Wind des sich zu Ende neigenden Winters den aufstrebenden jungen Mann wieder in die Arme der nicht weniger aufstrebenden Schauspielerin geweht. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst" Die Arkadjewna wandte sich schwungvoll um auf der Suche nach dem ihr bekannten Augenpaar, das tatsächlich beinahe schuldlos in das Foyer blickte. “Nein, selbstverständlich nicht.“ Anna hob eine ihrer geschwungenen Brauen und kam nicht um ein Schütteln ihres Kopfes umhin, begleitet von einem kaum merklichen Schmunzeln. Die Wahrheit schien genauso nah, wie fern, doch es stand nicht im Interesse der Russin sich dieser Angelegenheit anzunehmen. Stattdessen würde sie mit dem Charkow an ihrer Seite ihren Weg fortsetzen. Ohne, dass das zufriedene Lächeln, welches sich über die Lippen der Frau gelegt und ihre Gesichtszüge erhellte, auch nur ansatzweise erlosch, suchte die Arkadjewna ihren Weg zu der Empore des Zaren, die sie mit schnellen, jedoch nicht weniger entspannten Schritten bestieg. Auf ihren Wangen, die mit wenigen Sommersprossen gesprenkelt waren, legte sich eine raue Röte, die ihre Züge weich zeichnete und der Dunkelhaarigen eine jugendliche Vitalität verlieh.

„Zweifeln Sie etwa an meiner Kondition, Anna Arkadjewna?“ Auf dem obersten Treppenabsatz wandte sich die Arkadjewna schwungvoll herum, nur um mit einem amüsiert beglückten Lachen und einer entwaffnenden Herzlichkeit den künftigen Financier des Theaters bei seinem mühelosen Aufstieg zu beobachten. Die Kopeke in der Diamantmine war bekannt dafür, mit ihrem Charme und ihrem Witz zu bestechen und zu entzücken, ohne sich schüchtern hinter Gepflogenheiten der Gesellschaft zu verstecken. Dennoch entgleisten augenblicklich ihre Gesichtszüge in gespielter Empörung. “Natürlich, sie haben Recht. Es war unverschämt von mir an Ihrer Kondition zu zweifeln, ehe ich mich nicht selbst von ihr überzeugen konnte“ Die grauen Augen blitzten. Die Mundwinkel zuckten. Nur für einen kurzen Augenblick erschien ein verräterisches, amüsiertes Grübchen in der Wange der Arkadjewna, welches ihre eigentliche Intention – die sie zu verbergen gesuchte – nur noch mehr unterstrich. Da war es wieder, das Spiel zwischen den Stühlen auf äußerst hohem Niveau. Sollte der Financier sich ruhig in ihr Leben schieben und später unter ihrer Hand verbrennen. So beugte sich die Schauspielerin zu dem jungen Politiker vor, der seelenruhig einen Schritt nach dem anderen tat. Das Haar, schwarz wie flüssiges Öl, viel der Frau ins Gesicht und über die schmalen Schultern, während ihre Lippen sich spitzten, ganz so, als wolle sie dem Mann ein dunkles Geheimnis anvertrauen, dass niemand auszusprechen wagen würde. “Tatsächlich tut es mir ebenfalls nicht leid“ flüsterte sie dem Charkow Sprössling zu, die Betonung seiner eigenen vergangenen Worte aufnehmend, während sich die geschwungenen Lippen kräuselten. Michails Liebling richtete sich tief einatmend wieder auf, machte jedoch auf dem Absatz kehrt um die Führung in all ihrer Belanglosigkeit fortzusetzen, die sanften Schritte des Financiers hinter sich vernehmend.

Die Plauderei fand auf dem obersten Treppenabsatz eine Fortsetzung in absoluter Gelöstheit, Zwanglosigkeit, Unbeschwertheit und herrlicher Beiläufigkeit. Die Nonchalance wirkte auf sie keineswegs hochnäsig, jedoch vielmehr entspannend und äußerst ansprechend; zumal bekannt war, dass zur Anmut eine Prise Beiläufigkeit und Ungekünsteltheit gehörten; und wenn diese in Begleitung ihrer Schwester, der Demut, auftrat, sei sie unbesiegbar.“ Zumindest das hat wohl die Politik mit der Schauspielerei gemein: man muss sich anpassen, um zu überleben.“ Anna nickte in höchster Aufmerksamkeit, die Aussage des Financiers bekräftigend. “Jedoch habe ich mir sagen lassen, dass die Schauspielerei – im Gegensatz zu der Politik – ein gewisses Talent erfordert. Aber dazu können Sie bestimmt mehr sagen. Ein Mann in ihrer Position ...“ Die Arkadjewna legte den Kopf leicht schräg, während sie mit entwaffnender Herzlichkeit in ihrer Stimme und vom weiblichen Instinkt beseelt, den Blick des Mannes suchte. „Wenn Sie hingegen wüssten, wie viele Entscheidungen 'Männer in meiner Position' in Theatern treffen, würde sich Ihnen diese Frage nicht stellen“ Sprach der dunkelhaarige und hochgewachsene Mann weiter, während er die letzten Schritte auf der Treppe tat. Anna kam nicht umhin bei den Worten Alexej' klang hell zu lachen. Ihre Hand legte sich zunächst an ihre Brust, eine dezente Geste, die ihr Amüsement, sowie ihr einfaches und fröhliches Wesen nur noch mehr unterstrich. Die Arkadjewna hatte sich daraufhin mit einem Lächeln im Gesicht erneut bei dem Politiker eingehackt, nur um mit ausladenden Gesten die Führung fortzusetzen und den starken Arm des Mannes bei jeder passenden Gelegenheit tätschelnd, stets den Schein wahrend, sich absolut hingebungsvoll einer respektablen und rein geschäftlichen Beziehung hinzugeben. “In diesem Fall muss ich als Schauspielerin versagt haben, wenn politische Fragestellungen hier geklärt werden und nicht in den Marmorsälen der Rathäuser.“ Die kleine Schauspielerin seufzte in höchster Theatralik, den Kopf über ihr tragisches Schicksal schüttelnd.

Die Zarenloge erweckte nun den Schöngeist in der jungen Frau zu neuem Leben und vergessen war die scheinbare Schmach über die mangelnde Aufmerksamkeit des Politikers gegenüber den Künsten des Theaters, schließlich gab es wichtigeres und – vielleicht auch – schöneres zu entdecken. Höflich, wie der junge Mann zu ihrer Seite war, überließ Alexej der Schauspielerin galant der Vortritt in die einladende Loge des Zaren. Ein Lächeln, dass Annas Lippen umspielte und ein dezentes Nicken zeugten von ihrem Dank an Alexej, für die gepflogene Höflichkeit, die er auch ihr entgegenbrachte. Die Dunkelhaarige trat einige Schritte an die Balustrade, die im Dunkeln lag. Gedankenverloren strichen die schlanken Finger der Russin über die vergoldete Verzierungen, während auf der Bühne weiterhin das Leben tobte und Fossette in den Armen Michails aufmerksam die Szenerie beobachtete. Eine angenehme Stille umgab die Schauspielerin, die in der vor Extravaganz nur strotzenden Zarenloge ihre Probenschuhe entdeckte und unter ihrem Rock zu verstecken suchte; waren es bereits ausgetretene Schnürschuhe, an deren aufgesprungenen Stellen das blaue Futter unter dem Leder bereits zum Vorschein kam, die sich jedoch so weich dem Fuß anpassten und deren dünne Sohlen so geschmeidig waren, wie die von Tanzschuhen. Das der Politiker nun seine Stimme erhob wie ein sanfter Sturm auf schwarzen Schwingen, hatte die Arkadjewna bei Weitem nicht erwartet. Mit angenehmer Stimme trug der Politiker die Zeilen Puschkins auf, als hätte dieser nie etwas anderes getan. Die angenehme Überraschung die alte Kunst der Poesie von einem Mann wie Alexej zu hören stand der Schauspielerin ins Gesicht geschrieben, als schlussendlich der Schlussakkord erklang und leidend der letzte Ton zu sterben schien.

“Sie überraschen mich auf ein Neues, Herr Charkow.“
gestand Anna schuldbewusst ein, die einen kurzen Augenblick verwirrt und unfähig war, klar zu denken. “Ihre Berufung sollten sie noch einmal überdenken. Vielleicht sind sie für staatsmännische Tätigkeiten geboren, aber ob sie auch dazu berufen sind?“ Sprach sie nach einigen kurzen Augenblicken des nachklingenden Genusses bewundernd aus und errötete beinahe kindlich. In unbefangener Offenheit – die bei so vielen auf vollen Beifall traf – trat sie den ein oder anderen Schritt auf den jungen Politiker zu, ihre Hand über die kalte Marmorbalustrade streichend. "„Der Direktor erwähnte vorhin beiläufig, dass er plane, dieses Stück in der Oper mit einflechten zu lassen“ Der Frei- und Schöngeist nickte mehr oder weniger beiläufig zu dem Kommentar des Financiers, über die Tragik hinter dem rezitierten Gedichts ehrlich seufzend. “Ach, die Liebe!“ Wie viel Tragik hatte die junge Frau auf der Bühne bereits ertragen müssen? Gebrochene Herzen, nicht enden wollende Sehnsüchte nach dem Liebsten. “Sie verträgt alles. Sie glaubet alles. Sie hoffet alles. Sie duldet alles.“ Anna wandte sich in sanfter Geschmeidigkeit um, sich gegen die Balustrade lehnend und der Bühne damit den Rücken zukehrend und ihr Gegenüber mit ehrlichem Interesse musternd. Was sie davon halten würde? Die Kälte, die von dem Marmor ausging, kroch der jungen Frau die Wirbelsäule hoch und eine gewisse Erregung machte sich in der Schauspielerin breit, getragen von einer höchst verschwenderischen Lust im Angesicht der literarischen Intelligenz des Politikers und der geschichtsträchtigen Kulisse in ihrem Rücken. “ Ich schätze Puschkin und sein Talent Tragik und Komik als Gegensätzlichkeiten zu vereinen.“ Anna fand sich in einer kurzen Denkpause wieder, während sie die Zarenloge aus einem neuen Blickwinkel betrachtete und den Zauber in sich aufsog, ganz so, als wolle sie jedes einzelne Detail verinnerlichen und in sich aufnehmen. “Seine Prinzipien der Dramaturgie und die Authentizität der Charaktere – die Glaubwürdigkeit der Handlung, das ungezwungene Arrangement der Figuren und Ereignisse ...“ Die Schauspielerin nahm einen großzügigen Atemzug, ehe sie erkannte, dass sie abschweifte und sich in das Thema hineinsteigerte. Sie schluckte bei dieser Erkenntnis und fand sich wieder errötend wie ein Schulmädchen. “Ich schätze Puschkin und halte daher viel von Michails Idee, dieses Stück in die Oper einflechten zu lassen“ antwortete die Russin daher ein wenig trocken, den Blickkontakt zunächst meidend. “Üben Sie sich gelegentlich in Phantasie? Eine alte, in Vergessenheit geratene Kunst.“
auld.lang.syne am 21.11.15 19:15


Anastasia hatte schon oft betont, dass sie keinen anderen Beruf hätte ausüben wollen als den ihrigen, und ihre Stimme hallte in diesem Moment in seinen Gedanken nach, während er den Blick durch das Theater schweifen ließ. Da sie, sofern die gut situierte Familie aus dem Adelsgeschlecht Charkow nicht aus unerfindlichen Gründen über Nacht an Vermögen und Ruf verlieren sollte, jedoch nie in die Verlegenheit gekommen wäre einen Berufsweg einschlagen zu müssen um Brot und Leben zu verdienen, konnte man die Aussage als entweder sehr naiv oder doch höchst passioniert betrachten. Sie war ein Mädchen, eine Träumerin, ein zarter Vogel in den Händen der männlichen Mitglieder der Familie; niemand hätte gewollt und erwartet, dass Nastja etwas täte, was ihr nicht gefiele – bereits die Aussicht, sie für etwas ziehen zu lassen was ihr behagte, war ihrem Vater sehr schwer gefallen; der Horizont des heimischen Haussegens war erst dann aufgeklart, sobald ersichtlich geworden war, dass Dima aus militärischen Gründen nach Moskau versetzt werden würde. Sicher, der Don Juan war eben nun einmal ein solcher und vermutlich mehr hinter den zarten Röcken der Tänzerinnen hinterher als auf das Wohlergehen der Jüngsten bedacht gewesen, aber zumindest ein Sohn in der Nähe des Kükens zu wissen war besser als gar keiner. Dann, als sich der Wind drehte und sich auch für Alexej eine Veränderung in seinem Leben abzeichnen musste, hatte ihr Vater gelacht. Drei Kinder hatte er, drei davon waren in Moskau! Er musste sich keine Sorgen mehr machen. Trotz dass sein Ältester von dräuendem, dunklen Charakter war und dem Alkohol mehr zusprach als den Frauen (obgleich er auch zu Letzteren einen angenehmen Genuss zu hegen pflegte), war aber nichts vergleichbar mit dessen unwiderruflichem Streben nach Einfluss. Im politischen Sattel wollte er die Fäden ziehen, nicht hoch zu Ross auf dem Felde, die Kandare, die er in seinen Händen hielt, führte das Zarenreich, nicht jedoch den Zaren selbst. Es wäre lästerlich und höchst strafbar sich über den Höchsten hinwegsetzen, nein, schlimmer noch, diesen stürzen zu wollen, und bei Gott, dies lag tatsächlich nicht in seiner Intention. Sein Platz war hinter dem Kaiser, unmittelbar und direkt, um dessen Rücken zu stärken und Russland zu überblicken. Sollte Zar sein und werden wer wollte, der Advocatus Diaboli würde immer dahinter stehen und seine Worte in dessen Ohr flüstern. Anastasia war in seinen Händen gut aufgehoben.

Auch er hatte dereinst im Theater gelernt, auch wenn er nicht dieselbe verträumte Ansicht auf dessen Kulissen und Intrigen, die es wohl gewiss gab, haben konnte. Seine Schwester lebte in ihrer eigenen Welt, in der sie wohlbehütet war: sie saß in ihrer kleinen Schneekugel, das Bolschoi, und ließ sich nicht von den Wirren der Welt da draußen beeindrucken. Kriege? Besorgniserregend, aber andere, wie ihre Brüder, würden das zu richten wissen. Seuchen? Der Zar bildete gute Ärzte aus, andernfalls bot der Tod eines oder einer Geliebten eine gute Basis für eine fabelhafte Sonette oder Elegie. Zumindest … glaubte sie das, denn sie war noch nie mit dem wahrhaft echten Tod direkt konfrontiert worden, nicht einmal ein Krankenhaus selbst hatte sie je betreten müssen. All das Schlimme und Hässliche fand jenseits statt, nicht jedoch in ihrem unschuldigen Herzen, das sich danach sehnte, die große Liebe zu finden. Eine die wärmte und alles heller machte, keine die im Bett begann und nach wenigen Minuten beendet war. Denn Alexej hatte es so ähnlich gemacht. Nachdem er von seinem weißen Schwan verlassen worden war und sein Augenmerk gänzlich auf das Walten und Wirken des Staates gerichtet hatte, hatte er nach einer Theateraufführung beschlossen, sich die Lehren der Musen zu eigen zu machen. Er hatte Reden schreiben und diese freilich ohne Patzer halten können, die Menschen aber hatte er als junger Mann nicht zu beflügeln vermocht, deren Seelen in Flammen zu versetzen, sie lodernd zu entfachen und für seine Sache zu begeistern. Er war gehört und dann wieder vergessen worden. Sein gutes Aussehen hatte ihm hingegen des Öfteren Tür und Tor geöffnet, oh, das wusste er, er war es jedoch irgendwann sehr leid gewesen, die wichtigen Details zwischen den Laken zu klären, indem er die gelangweilten Frauen einflussreicher und stets beschäftigter Männer hofiert hatte - auch hatte er seine Irina zwischen den Schenkeln jener Damen zu vergessen ersucht.

Das letzte Mal, dass er sich auf diese Art und Weise vorangebracht hatte, war mit Maria geschehen. Maria Ivanovna Kugarina war Schauspielerin gewesen (jetzt verheiratet und in Frankreich lebend) und hatte den Tausch von männlicher Zuneigung gegen Intonation, verbale Eingängigkeit und deutliche Sprache gerne und professionell vollzogen. Er hatte sogar das Gefühl gehabt, dass sie in Wahrheit noch sehr viel unberechenbarer gewesen war als er selbst, vermutlich hatte die wunderbare Rothaarige stets über diesen jugendlichen Adeligen amüsiert lachen müssen, spöttelnd und vergnügt, aber er war zu ambitioniert und jung gewesen, um das Kalkül dahinter zu verstehen. Die Grazie hatte seine ungeübte Stimme trainiert, sie volltönig und wohlklingend gemacht, so dass seine auditive Erscheinung mit jener seiner körperlichen Präsenz mithalten konnte. Nun wurde er nicht nur gesehen, sondern auch gehört – nachhaltig in den Köpfen der Menschen verharrend.

Als das Kichern erklang und sich zur allgegenwärtigen, geschäftigen Geräuschkulisse beimengte, hätte sich der Hochgewachsene nicht einmal eines Heben der Braue bemüht, die suchende Bewegung der Arkadjewna jedoch veranlasste ihn dazu es ihr zumindest dahingehend gleichzutun, dass er den Blick in jene Richtung wandte, in welcher der kindlich-frohlockende Laut seinen Ursprung gefunden hatte. Das hagere Mädchen mit dem geflochtenen, dicken Zopf sah ihnen überrascht sowie offenkundig ertappt entgegen, das feine Papier in seinen Händen raschelte leise, als es unter dem kritischen Fokus der Grande Dame errötete und die feinen Finger krümmte – oder war es viel mehr der Blick des Charkows gewesen, der diese heftige Gefühlsregung verursacht hatte? Was auch immer zutreffen mochte, ihm konnte es kaum gleichgültiger sein; Michail hatte ihm bereits die in zartem Tüll gekleideten Feen seines Ensembles präsentiert und es hatte bei ihnen nichts gegeben, was er nicht schon gesehen hätte. Die einzige Überraschung, die er nebst Anna hier hatte antreffen können, war die hohe Professionalität gewesen, mit welcher die Mitglieder bestochen hatten: mit großem Gleichmut und beinahe arroganter Ignoranz hatten es die Schönen zugelassen, dass der Financier bei mancher Schneiderin oder Anprobe mitsamt des Direktors zugegen sein durfte – er war teilweise nicht einmal wahrgenommen worden, die Aufmerksamkeit der Schauspielerinnen war wie das träge Blinzeln einer Katze gewesen und er schlicht und ergreifend nicht vorhanden. Kunstwerke, die sich ihrer ganzen oder nur teilweise verdeckten Blöße nicht gewahr waren, allesamt ästhetisch und sich ihrer Stellung bewusst. Hatte der Direktor ihn verführen wollen? Womöglich. Womöglich benötigte er mehr Geldanlagen, mehr Vertrauen, mehr Gunst, oder er wollte einfach nur mit seiner Familie, seinen Mädchen, werben, etwas, das der Politiker nicht mit ihm gemein hatte und womit er diesen ganz ungeniert ausstechen konnte. Michail hatte vermutlich nicht damit gerechnet, dass sich sein größtes Kleinod ganz freimütig in die Hände des Charkows begeben würde, denn dieses hatte er ihm bis zum Schluss vorenthalten. Dass er dabei die intime Vorgeschichte, die sie miteinander teilten, nicht wissen konnte, amüsierte Alexej dabei umso mehr. Das Gehabe seitens der Direktors war gewollt gewesen, aber nicht gekonnt.

"Ich bin mir keiner Schuld bewusst", erwiderte er gelassen, während er nur noch im Augenwinkel wahrnahm, dass das arme Mädchen beinahe gestolpert wäre; als dann jedoch er derjenige war, auf den sich Annas kritischer und scharfer Blick einpendelte, wandte er wiederum den seinen, um ihr direkt entgegenzusehen – sollte es sich womöglich um vage Eifersucht handeln? Oder fürchtete sie, dass er den glatten Verlauf der Proben stören könnte, weil die jungen Dinger vogelwild waren und über ihre eigenen Füße fielen? Die kleine Falte, die sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet hatte, glättete sich wieder, als er ihre vormals gefasste Vermutung wieder aufgriff: „Die Annahme, dass es sich um meine Schwester handele, derentwegen ich hier bin, kann ich zudem bestätigen“, plauderte er in ruhiger Nonchalance, indes er ein innerliches Lachen, gleichwohl stumm, verkniff. Auch Michail hatte auf die Reaktion, die seine Präsenz forderte, unwillig reagiert; er war tatsächlich ein Störenfried innerhalb der künstlerischen Mauern (zudem alleinstehend und prinzipiell auf der Suche, denn das mussten alle alleinstehenden Adligen sein, nicht?), und dann entkam seiner rauen Kehle ein amüsierter Laut, leise, der das Heben seiner Mundwinkel begleitete: „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als uns mit den Gegebenheiten zu arrangieren“, floskelte er aufgrund soviel Wahrheit in dieser Aussage in spöttelnder Amüsanz: „Zumindest das hat wohl die Politik mit der Schauspielerei gemein: man muss sich anpassen, um zu überleben“, und seine Aufmerksamkeit schweifte umher, indes man ihn in die höheren Etagen führte.

Alexej überließ der Dame gerne die Führung, die viel zu berichten hatte und ihrem Wortklang eine gewisse Tüchtigkeit verlieh, die das eigene, persönliche Interesse an ihrer Arbeit nur untermauerte, anstatt auf das schlüpfrige Thema, das sie ursprünglich verband, anzuspielen und auf Glatteis zu führen. Er kannte sie bereits aus einigen Vorführungen, ohne aber je eine besondere Vorliebe für ihre Stücke gefasst zu haben; es waren eher Zufälle gewesen, die ihm ihre Vorstellungskarten in die Hände gespielt hatten, dennoch hatte er sich nichtsdestotrotz sehr gut unterhalten gefühlt, wenn ihr die Bühne gehört hatte. Mit gutem Gewissen konnte man behaupten, dass Russland einige sehr gute Künstler hervorgebracht hatte und Anna war nicht nur eine von ihnen, sondern wurde unter Kennern als großartiges Schmuckstück gehandelt und verehrt. Man konnte sie nicht fangen, weil sie sich nicht fangen ließ. So einfach war das.


... und während sie in raschem, geübten Tempo die Treppe erklomm, folgte er ihr mit etwas Abstand und konnte nicht umhin, ob ihrer Frage eine Braue zu heben: „Zweifeln Sie etwa an meiner Kondition, Anna Arkadjewna?“, stellte er die spitze Gegenfrage und änderte nichts an seinem stetigen, schlendernden Aufstieg, der keine Mühen offenbarte, sondern nur die Idee nach Aussicht und Hastlosigkeit. „Wenn Sie hingegen wüssten, wie viele Entscheidungen 'Männer in meiner Position' in Theatern treffen, würde sich Ihnen diese Frage nicht stellen“, endete er zeitgleich mit dem Aufstieg der Treppe, so denn er die letzte Silbe ausgesprochen hatte. Er fuhr sich mit der Zunge über die glatte Seite seiner Zähne und verschränkte die Hände locker hinter seinem Rücken, da sich die Dunkelhaarige gänzlich von ihm gelöst hatte: „Russland ist seit jeher ein Land der schönen Künste, … Frankreich und Italien ziehen lediglich nach. Wenn es die Arbeit und die Zeit zulassen, verbringe ich letztere sehr gerne in einer Theaterloge“, und sein Augenmerk glitt eher wie beiläufig über die schön geformte Silhouette Annas, bevor dieser die steinernen Werke traf, die den Eingang säumten und als stumme Portalsteher fungierten; diese Schwelle gebührte dem Zaren, die Farben verrieten es, das Wappenfries über dem Türstock, sowie die verschwenderische Schönheit von Gold und Stuck. Seinen Schritten Einhalt gebietend, blieb er vor dem Eingang der Loge stehen, sein Blick glitt vom prunkvollen, russischen Adler zurück zur Arkadjewna, deren lebhaftes, strahlendes Gesicht etwas Faszinierendes an sich hatte. Die Erregung, die sie offenbar empfand, überraschte ihn, wenngleich er sich auch neugierig sah mehr über die Person, die sie war, zu erfahren. Die Zarenloge war ihm bisher tatsächlich nur ein einziges Mal untergekommen, nämlich beinahe exakt vor einem Jahr, und da war er auch noch verschnupft gewesen, weshalb er kaum Interesse für die Architektur, geschweige denn für das Stück hatte aufbringen können – was für eine ärgerliche Zeitverschwendung, missgünstiges Fatum! Mit einem rauen, wölfischen Lächeln auf den Zügen trat er an der Frau vorbei, um dieser die schwere, duftende Zederntür aufzuschieben und ihr den Vortritt zu überlassen: „Ich bitte drum“, verriet er galant und warf noch keinen einzigen Blick in die königlichen Gefilde hinein, denn dieser ruhte ganz und gar auf dem schönen Bildnis seines Gegenübers.

Danach eintretend und die Tür leise in das Schloss zurückführend, umrundete er anschließend das großzügige Sitzmobiliar, dessen Polster mit saphirblauem Samt bezogen waren. Dasjenige des Zaren und seiner Gattin war kaum zu übersehen: die gepolsterten Lehnen waren mit weichem Hermelin besäumt, die kunstvoll geschnitzten Sessel beinahe thronartig in ihrem Charakter, sowie deren Armlehnen und Stuhlbeine in Löwenpranken endeten; das heilige Paar saß vorne, alle anderen schräg versetzt hintendran. Unten also tobte noch immer das Leben, wohingegen hier droben die Zeit stillzustehen schien, nicht nur der altehrwürdigen, herrschaftlichen Natur des Raumes wegen, zwei Welten voneinander getrennt und doch eins seiend in diesem großen Ganzen des Gebäudes. Derjenige, der diese Loge im Sinn gehabt hatte, hatte all das auf einen Punkt gebracht: wer hier saß, der hatte es geschafft. Die Luft tief einatmend, trat Alexej zur vergoldeten Balustrade des Balkons vor und stützte sich mit beiden Händen auf dem kalten, marmornen Handlauf ab, die dunklen Augen nach unten wandern lassend. Das Zierrat der Balustrade beschrieb blättrige Ranken und blühende Blütenkelche, sowie sich das florale Muster in Form von handgefertigten, goldenen Stickarbeiten in den Vorhängen wiederholte. Schweigen bemächtigte sich für einen kurzen Augenblick seiner, seine kräftigen Finger, an deren linker Ringseite das silberne Wappenemblem seiner Familie blitzte, legten sich um den kalten Stein. Als er die tiefe Stimme hob, war diese nicht laut, nicht fordernd, sondern ein murmelndes Grollen gleich des Flüsterns eines entfernten Flusses:

"Sei gnädig Morpheus, und entrücke
Mich meiner bittren Liebesqual,
Mit einem holden Traum beglücke
Mich diese Nacht ein einzig Mal!
Laß nicht - wie stets - mein Herz beschweren
Der Trennung Fluch, der mich zerbricht,
Laß ihre Stimme nur mich hören,
Ihr einmal seh'n ins Angesicht!
Und wenn der Morgen wieder trennte
Mich von dem Traum, und ich erwacht,
Gib, daß ich dann vergessen könnte
Ihr Bild - bis zu der nächsten Nacht!
"

Alexander Sergejewitsch Puschkin, und während er rezitiert hatte, war sein Blick nicht von der Bühne gewichen. Dann, als er wieder aufsah und sich zu seiner Begleiterin umwandte, löste er die lockere Haltung seiner Arme, nur, um diese vor seinem Torso zu verschränken und sich mit dem Rücken gegen die Balustrade zu lehnen: „Der Direktor erwähnte vorhin beiläufig, dass er plane, dieses Stück in der Oper mit einflechten zu lassen“, er reckte das markante Kinn in erhabener Natur, anstatt das Haupt in eine seichte Schräge zu neigen: „Was halten Sie davon?“, und weil sie verhältnismäßig alleine waren, stellte sich ein gewisses Gefühl von Privatsphäre ein.

auld.lang.syne am 27.9.15 21:16


Einen glücklichen Zufall mochte manch einer das Zusammentreffen des Politikers und des Freigeistes nennen. Der romantische Geist würde es als schicksalhafte Fügung bezeichnen, als die schlanken Körper Feuer fingen und sich der extravaganten, verschwenderischen Lust hingaben und sich die Körper wie bei einem Tanz räkelten. Es war ein Augenschmaus zu sehen, wie sich die glatte Haut des Mannes über seinen Muskeln anspannte und sie mit seinen starken Armen fest im Griff hatte. Es war tatsächlich ein glücklicher Zufall gewesen, der dem reinen Lustgewinn gedient hatte und der jeden Romantiker in die Verzweiflung getrieben hätte. Eine Welle der Erregung überkam die Schauspielerin bei den Erinnerungen an die pure Hingabe und bei der ganz beiläufigen Annäherung des Hochgewachsenen, der sich dezent vorbeugte, nur um dem Schöngeist das ein oder andere neckische Wort ins Ohr zu flüstern. Die Schauspielerin hob das zierliche Kinn bei seinen Worten, schnuppernd den süßen, fein herben Duft des Mannes aufnehmend, der eine noch unklare Rolle in dem Stück ihres Lebens spielte. Aber sollte der Mann, der den erfolgsträchtigen Namen Charkow trug, überhaupt irgendeine Bedeutung für ihr Leben haben? Die Arkadjewna war eine selbstständige Frau, die gerne zwischen den Stühlen stand und sich um ihre eigenen Belangen kümmerte. Sie zerfraßen weder Unsicherheit noch Eifersucht, wenn einer ihrer Liebhaber nicht mehr Interesse für sie aufbrachte, als notwendig. Ihr Innerstes starb nicht bei dem Gedanken daran, dass sie jemanden nicht für immer halten konnte und Anna wusste, dass ihr dieses Verhalten viel Schmerz ersparte. Viele Mädchen sehnten sich nach Liebe. Wahrer Liebe. Lächerlicher, unbequemer, alles verzehrender und nicht-leben-können-ohne-den-anderen Liebe. Die Mädchen am Theater hofften vor allem diese Liebe in den Emporen des Theaters zu finden, denn die Liebe, die sie suchten trug vorzugsweise zusätzlich einen angesehenen Namen und damit verbunden eine beachtliches Vermögen.

Die Arkadjewna kannte sie. Die Reichen und die Mittellosen, doch nachts waren alle Katzen grau und es machte keinen Unterschied mehr, ob es der Jüngling einer wohlhabenden Familie war, der den Zauber des Theaters mitnehmen wollte, oder der Zeremonienmeister. Weiche Betten und warme Felle hatten ihren Reiz, doch die Garderobe des Theaters ebenfalls. Doch ihre Spielchen trieb die Schauspielerin nie am eigenen Theater. Privates trennte sie stets von ihrem Beruf, zu groß war das rufschädigende Risiko und die dramatischen Szenen hatten ihren Platz auf der Bühne und nicht hinter den Kulissen. Es wäre eine Schmach für die Russin, wenn von allen Seiten der Vorwurf laut werden würde, ihr Erfolg rühre lediglich von ihrem schamlosen Talent als Liebhaberin und nicht von ihrem Talent als Darstellerin. Doch mit dem Auftauchen des jungen und gutaussehenden, nicht zu vergessen aufstrebenden, Politikers sah sie sich in eben dieser Situation wieder, war sie vor nicht allzu langer Zeit in den Genuss seiner selbst gekommen. Beinahe schon schamlos fragte Alexej, ob ihr Wissen über seine neue Tätigkeit als Financier des Theaters etwas an ihrer Liebelei geändert hätte, was die Arkadjewna selbstverständlich bejahte. Selbstverständlich? Leise, kaum merklich räusperte sie sich bei ihren Worten, wusste sie doch selbst, wie berauscht sie von dem Mann gewesen war. Sowohl davor, als auch währenddessen und auch danach. Hätte sie auf diesen Höhenflug verzichtet? Auch wenn sie Gefahr lief, sich selbst zu belügen, so blieb sie bei ihrer Aussage. “Das tut mir nicht leid“ erwiderte der Dunkelhaarigen nun jedoch mit einem neckischen Zug auf den Lippen, was Anna ein amüsiertes Schnauben und das Schürzen ihrer voll geschwungenen Lippen entlockte, die von einer rauen Röte gezeichnet waren. Sie tätschelte seinen Arm, die unausgesprochene Herausforderung annehmend, ehe sich das – vielleicht gar nicht so unähnliche – Gespann in Bewegung setzte. Anna warf einen letzten Blick zurück, um dem verzweifelten Michail einen vielsagenden Blick mit ihren klaren, grauen Augen zuzuwerfen. Er schien nicht begeistert über das Bild, das sich ihm bot. Er hasste es, Anna – seine Anna – zu teilen, selbst mit dem Financier, der es ihm überhaupt erst ermöglichen sollte, seine und auch Annas Arbeit fortzusetzen. Selbst, wenn es allen Anschein machte, dass Anna den jungen Charkow lediglich durch das Theater zu führen gedachte um ihm einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. Das Biest tobte in dem Direktor des Theaters  und diese stille Begierde verschaffte der Diva in der Schauspielerin eine gewisse Genugtuung.

“Eventuell stimmt es Sie ein wenig milder, wenn Sie erfahren, dass die momentane Lage einer anderen Quelle entspringt“ Ein wissendes Nicken folgte, wobei sich die Russin vorsichtig ihre Lippen benetzte, als würde sie zum Sprechen ansetzen wollen. Eine alte Angewohnheit, die sie nicht los werden konnte und die von langen Textpassagen auf der Bühne herrührte. “Ich nehme an, Ihre werte Schwester?“ fragte Anna mit neugierigem, von freundschaftlichen Gedanken geprägtem Interesse, sich in einer gutmütigen und heiteren Weise zur Wehr setzend und sich von dem Financier durch das Theater führen lassend; vorbei am Gestern und vorbei am Morgen. Sie kannte das imposante Spielhaus wie ihre eigene Westentasche und jeder Schritt war ihr bekannt. Eine Woge der Sicherheit überkam die Dunkelhaarige innerhalb dieser Gemäuer. Nichts und niemand konnte ihr hier etwas anhaben, denn das war ihr Theater; ihr Revier. Der Mann an ihrer Seite führte sie mit einer sanften, aber bestimmten Gewalt durch das Theater, dessen fein herben Duft die Schauspielerin tief in sich einsog. “Wie geht es ihrer Schwester? Ich habe sie lange nicht mehr gesehen … „ Ein träumerischer Schwermut schwang in der klangvollen Stimme der Arkadjewna mit, die eine innige Freundschaft mit der Schwester des Charkow Sprösslings pflegte, unter Artisten äußerst unüblich. Doch die beiden Frauen hatten sich irgendwann und nach vielen Anläufen als eigenständige Künstlerinnen  akzeptiert und somit den Weg für eine Freundschaft auf einer persönlichen Ebene ermöglicht. Die Frau warf dem Mann an ihrer Seite einen neugierigen Blick zu, auf der Suche nach Ähnlichkeiten zwischen den Geschwistern, die ihr bisher entgangen waren.
“Der Himmel ist voller Sterne“ - „Wohl wahr, doch die wahre Kunst ist es eine Kopeke in einer Diamantmine zu finden …“ entgegnete die Dunkelhaarige bestimmt, jedoch nicht aufdringlich. Mit dem Übertreten der Schwelle bot sich ihr ein durchaus imposanter Anblick: Das Foyer des Bolschoi-Theaters, dass bereits unzählige Sterne hervorgebracht hatte. Doch die Arkadjewna war trotz ihres Talentes und ihres Erfolgs darauf bedacht, stets die einzige saure Kirsche am Fruchtstand zu sein. Gewöhnlichkeit war ihr zuwider und sie wollte nach ihrer Karriere nicht in Vergessenheit geraten. Der Blick ihrer grauen Augen glitt über das kostspielige Mobiliar, wanderte über den Kronleuchter der im Licht glänzte, als sei er mit Diamantenstaub bedeckt. In den entblößten Schultern und Armen fühlte sie die marmorne Kälte; eine Empfindung, die sie besonders gerne hatte.   “Es tut mir tatsächlich nicht leid“ Annas Blick wanderte erneut zu Alexej, der sich mit seiner freien Hand über das markante Kinn strich. Sie musterte seine Gesichtszüge mit einer leichten Anspannung zwischen ihren Schulterblättern auf der Suche nach dem wahren Hintergrund für seine Worte und für sein Kommen. Es gab einen kurzen Augenblick in den vergangenen Wochen seit ihrem Zusammentreffen, in dem der Freigeist mit dem Gedanken gespielt hatte, dem Politiker einen Brief zukommen zu lassen. Doch dieser Brief blieb ungeschickt von ihr, denn diesen Brief hatte sie ihm nicht auf Papier, sondern in sein Gesicht, auf seinen Körper geschrieben. Unsichtbar, was ihr Mund auf seiner Haut hinterlassen hatte. Such wo meine Zunge war, such mein Lied in Deinem Haar.
“Als Entschuldigung begebe ich mich in Ihre Hände, Anna Arkadjewna, wohin möchten Sie mich führen?“ Die dichten, geschwungenen Brauen stiegen in die Höhe und verliehen den filigranen Gesichtszügen einen überraschten Ausdruck, der von einer erregten Neugierde geprägt war. Scheinbar reumütig übergab der Hochgewachsene das Zepter in die Hände der Frau ihm gegenüber, die es nur zu gerne wieder  in ihrem Besitz wusste. Die Lippen zogen sich zu einem vielsagenden Schmunzeln zusammen und das Grau ihrer Augen blitzten vom Instinkt beseelt. Für einen kurzen Moment, nur einen Augenblick, verblassten die Geräusche um die Arkadjewna, bis ein Kichern in ihrem Nacken ihre intimen Gedankengänge unterbrach. Die Russin räusperte sich kaum merklich, den Blick mit einem Aufschlag ihrer Augen senkend und wieder hebend, den Ruhestörer ausfindig machend. Unter dem kritischen Blinzeln der Arkadjewna, die ein einer höheren Welt lebte, als das Mädchen selbst, errötete sie nur noch mehr beim Anblick des gutaussehenden Politikers. “Ich bin mir sicher, Stiwa hat nach Dir gefragt.“ waren die etwas unterkühlten Worte Annas, die Savina ihre Schleppe zusammenraffen und mit einer unsauberen Verbeugung und raschen Schritten davonrauschen ließen. “ Sie ist eine meiner treusten Helferinnen … Ihre Anwesenheit verwirrt die Mädchen.“ floskelte Anna süffisant, dem Mädchen zunächst mit ihren Blicken folgend, da sie sich schüchtern lächelnd ein weiteres Mal nach Alexej umdrehte und dabei fast stolperte. Ein angespanntes Kribbeln zog sich Annas Wirbelsäule hoch, als sie dem Dunkelhaarigen einen scharfen und kritischen Blick schenkte, der sich am Ende als eigentlicher Störenfried herausstellen sollte. “Über das Auditorium werde ich Ihnen ja wohl kaum noch etwas sagen müssen, die neue Bühne...“ Diese Unterredung war rein geschäftlich und höchst professionell, so ließ sich der Freigeist nicht aus der Fassung bringen und setzte ihre Führung mit ausladenden Gesten fort; doch dieses Mal tat Anna der ersten Schritt und führte den Mann zu ihrer Rechten in die nächst höheren Etagen. “Das ein Mann ihrer Position überhaupt genügend Zeit für unser Theater findet… - Sie beehren uns wahrhaftig mit ihrer lukrativen Partizipation – Sind sie nicht müde?“ erkundigte sich Anna spöttisch lächelnd, als sie die ausladende und reich verzierte Treppe in einem raschen Tempo zu besteigen suchte und einen von reiner Unschuld gekennzeichneten Blick zuwarf. “Die Proszeniumslogen dürften einem Mann wie Ihnen wohlbekannt sein. Doch die üppige Zarenloge ist etwas ganz besonderes ...“ Geschmeidig löste sich die Arkadjewna von Alexej, sich dem Samtbezogenen Eingang zur Zarenloge nähernd. Der Schöngeist in ihr war immer wieder auf ein neues entzückt von den Stützen in Form von gebeugten Atlanten. Die reiche Vergoldung und die schwere, himbeerfarbene Drapierung der Vorhänge. Die Arkadjewna fand sich wieder vollends in ihrem Element, denn die materielle Schönheit vereinte sich mit ihrer Leidenschaft dem Theater. Mit einem leuchten in den Augen und einer rauen Röte auf den sommersprossigen Wangen wandte sie sich zu dem Politiker. “Es übersteigt jegliche Vorstellungskraft ...“ sprach sie mit einem erregten Flüstern und einem schneller schlagenden Herzen.
auld.lang.syne am 28.7.15 20:30


Glück und Zufall allein hatten ihm diese Karten zugespielt, mit denen er das momentane Spiel bestritt. Die Druchenkows hatten ausgeteilt und an diesem Abend waren Parteien dazugestoßen, deren Bekanntschaft er weder ersonnen, noch erhofft hatte; er war schlicht und ergreifend nicht darüber im Bilde gewesen, dass die großartige Schauspielerin in der Stadt verweilte und diese gar nebst ihm eine Einladung erhalten hatte. Kein Fädenziehen, kein Rankenspiel. Pure und pragmatische Fügung. Das jedoch, was er daraus zu schmieden imstande gewesen war, stand auf einem ganz anderen Blatt. Man hatte ihm diese Partie zugewiesen und er hatte lediglich die Hand danach ausgestreckt und alles, was danach passierte, war glückselige Kalkulation mit unschuldiger Einmischung seitens seiner zarten Schwester. Oh, Anastasia, du geschickter Mercurius! Vollkommen ohne Hintergedanken aber, das wusste er, dafür verstand und scherte sie sich zu wenig von und für die Intriganz dieser Welt, ihr war ausschließlich daran gelegen gewesen dem Regisseur ein gutes Stück zu verschaffen (und darin möglicherweise eine Rolle zu erhalten, je nachdem was ihr Talent zuließ, denn sie würde nicht tricksen) und ein wenig mehr Zeit mit ihrem ältesten Bruder zu verbringen. Die Idee, man könne ihr tatsächlich egoistischen Eigennutz vorwerfen, da sie nun einmal die Schwester des Financiers war, war ihr zu keinem Zeitpunkt des Gedankens gekommen. Sie würde sich freuen, bekäme sie eine durchaus passable Figur in dieser Oper, legte es aber nicht darauf an, schon gar nicht wollte sie sie nur deshalb erhalten, weil Alexej dafür gesorgt hatte; und auch dessen war er sich bewusst. Ein Grund mehr, sich hauptsächlich aus der gesamten Sache herauszuhalten und den wahren Könnern die Bühne zu überlassen. Die Premiere musste gut genug werden, um seinem Ruf gerecht zu werden und diesen im besten Falle zu erhöhen. Eine Einmischung seinerseits erachtete er hierbei als eher hinderlich, er, der Politiker war und keinesfalls eine Koryphäe der Musen. Er liebte sie, tatsächlich, aber sie blieben nie mehr als eine Kurzweil in der ermüdenden Langeweile, ähnlich wie ihre lebendigen Schwestern heutzutage. Frauen hielten ihn nicht, genauso wenig wie ein und dieselbe Arie. Eine Tatsache war aber auch, dass er genannte Karten nicht zeigte. Dem Direktor nicht – wenngleich er aufgrund dessen penetranter Fürsorge, ihm jedweden Winkel des Theaters anschaulich darlegen zu wollen, in eine Richtung nachgegeben hatte, in welcher er verkündet hatte, er wolle sich nur wenig um diese Belange kümmern -, und auch Anna nicht. Sollte sie ruhig der gar nicht so abwegigen Auffassung bleiben, er könne und wolle dahingehend Einfluss nehmen, wer auf der Bühne stehen durfte und wer hinter dem Vorhang nur Zuschauer war. Das war zwar nie seine Intention gewesen, ihre Reaktion allein jedoch amüsierte ihn. Er musste ihr vorkommen wie ein Eindringling in ihrem heiligen Revier, ein Wolf, der sich über seine Grenzen hinwegsetzte, um die eines anderen zu betreten. Ihre Grenzen, seine Regeln. Sollte sie die Ljudmila haben. Und wer auch immer den Ruslan verkörpern und ihr im Rampenlicht die ewige Liebe schwören und ihr lange Nächte schenken mochte, er wusste es besser. Er allein wusste um die delikate Zweisamkeit, mit welcher sie auf den Pelzmänteln der Druchenkows gelegen hatten. Ihre duftende Haut, ihre Haare, ihre Lippen. Sollte Michail selbst Ruslan sein! Alexej hingegen säße bei der Premiere in seiner Loge und verbürge sein verhaltenes Lachen hinter seiner Hand. Ruslan und Ljudmila, Alexej und Anna, eine Oper in fünf Akten. Wo sie sich wohl gerade befanden? Indes er sich also ihrem Ohr näherte, um ihr eine leise Frage zukommen zu lassen, glitt sein Blick zu den feinen, dunklen Härchen in ihrem Nacken und er atmete ungesehen den Duft jener Stelle ein, die sich direkt unter ihrem Ohr befand. Parfum? Ihr eigener Geruch? Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, ehe er sich wieder zu seiner vollen Größe aufrichtete und den Blick bei ihrer Antwort durch das Theater schweifen ließ. Natürlich hätte es etwas geändert, verkündete sie mit heller Stimme, und er glaubte ihr nicht. Dunkel und ruhig wanderte sein Augenmerk über die gepolsterten Sitzreihen, herüber zu den Balkonen und dann zur Tür – das Gefühl ihrer Hand auf seinem Arm glich einem Windhauch. “Das tut mir nicht leid“, erwiderte er ob ihrer prekären Lage und ihrer Unwissenheit hin, seine Stimme perlte tief und volltönig über jenen Schwung des Mundes, mit welchem er Gedichte auf ihre Lippen geschrieben hatte und welcher sich nun zu einem Lächeln verzog, der den Wolf in ihm zum Vorschein brachte; er neckte sie, ohne jungenhaft zu sein. “Eventuell stimmt es Sie ein wenig milder, wenn Sie erfahren, dass die momentane Lage einer anderen Quelle entspringt“, und während er endete, nahm er ihr Angebot selbst in die Hand, indem er die Richtung vorgab, in welcher sie ihn herumführen konnte: “Der Himmel ist voller Sterne“, sagte er so, als spräche er just seine Gedanken aus und machte einen großen Schritt über die Schwelle der geflügelten Tür hinweg, die in das Foyer führte, das beinahe einem Thronsaal glich: breite, vergoldete Treppen, ein Lüster voller Kristalle gleich des Zwinkern myriadenfacher Feen und ein geschnitztes Mobiliar, das direkt vom Zaren und aus Odessa kam. “Es tut mir tatsächlich nicht leid“, wiederholte er, nun eine andere Betonung an den Tag legend. Ihm tat der Abend nicht leid und er bereute nichts. “Wir werden sehen, wohin uns Ihre prekäre Lage führen wird“, mit seiner freien Hand strich er sich über das markante Kinn, jedes Wort ein höfliches Spotten seiend, und wandte nun wieder seinen dunklen Blick auf die Arkadjewna, darauf wartend, dass sie sich verteidigte. Der Direktor hatte ihm bereits das Theater zu genüge gezeigt, es aber noch einmal mit ihrer Gesellschaft zu durchwandern zählte er als lohnenswerte Investition, die hoffentlich keine stinkende Pomade und weitere grazile Mädchen mit durchsichtigem Tüll beinhaltete. “Als Entschuldigung begebe ich mich in Ihre Hände, Anna Arkadjewna, wohin möchten Sie mich führen?“, fürwahr hatte er seinen Schritten Einhalt geboten und seine Haltung dahingehend gestaltet, dass sie ihn mit Leichtigkeit mitziehen konnte. Das Licht über ihnen spiegelte sich in seinen braunen Augen wider, flirrende Garben in diesem tiefen Dunkel und er hob das Kinn vage an, abwartend, beinahe fordernd. Im Saal hinter ihnen ertönte weiteres Gebell, ein lachendes Kreischen und die aufgeregte Stimme Michails, das Tohuwabohu nahm seinen weiteren Lauf, während durch die Botengänge fleißige Gestalten huschten, von denen manches Augen- und Ohrenpaar allzu neugierig war, indem der Besitzer möglichst beschäftigt aussehend stehenblieb. Ein leises Kichern erklang hinter den beiden und der Vorhang zur offenen Terrasse raschelte, als Savina den Stoff fallen ließ und ihre Augen neuerlich auf ihre Textpassage heftete, die zuerst auf Anna und dem Mann, den sie nicht kannte, gelegen hatten.
auld.lang.syne am 27.7.15 22:02


Annas Augen, die grau wie die raue See waren, verengen sich ein klein wenig. War es, weil sie das Licht der Bühne blendete, oder lag es eher daran, dass ihr der überraschende Auftritt des Politikers und kurzzeitigen Liebhabers missfiel, wurde er ihr doch als aktueller Financier des neusten Stücks vorgestellt. Die Schauspielerin kam nicht umhin sich zu fragen, inwieweit es tatsächlich dem Zufall zuzuschreiben war, dass dieser Mann – mit dem sie ungeniert die ein oder andere intime Stunde verbracht hatte, in der sich in erster Linie alles um puren Lustgewinn drehte – nun das Stück, in dem sie mitspielte, finanzieren sollte. Michail war ein guter und talentierter Direktor am Theater. Doch er ließ sich leicht und schnell beeindrucken und ein Mann, wie Alexej Charkow war ungemein beeindruckend. Diese Tatsache und sein Geld, das nun in das neuste Stück fließen sollte, machten ihm zu einem Strippenzieher und das missfiel wiederum der Dunkelhaarigen, konnte sie Einmischung von Außen nicht leiden, was sich wiederrum in einem kurzen Schürzen der fein gebogenen Lippen wiederspiegelte. Doch rasch entspannten sich die ausgeprägten Gesichtszüge wieder und nahmen scheinbar völlig unbeeindruckten Ausdruck an. Die Trennung von Privat- und Berufsleben waren eines ihrer größten Anliegen doch nun wurde Annas Privatleben ihr auf dem Silbertablett vorgetragen. Nein, sie konnte es drehen und wenden wie sie wollte und so Lustbringend die Nächte mit Alexej auch waren, ihn als ihren Financier zu sehen sagte ihr in erster Linie nicht zu. Käme die Liaison zwischen den Beiden an die Öffentlichkeit, so würde es die erfolgreiche und beliebte Schauspielerin durchaus in ein liederliches Licht stellen, weckte es schließlich den Eindruck, sie hätte sich der Zweisamkeit mit Alexej zu ihrem Gunsten hingegeben und sich für ihre Dienste mit einer Spende an das Theater bezahlen lassen. Hätte die Arkadjewna zum Ziel gehabt einen Sponsor zu finden, dann hätte sie ebenso gut auf einen der unzähligen Heiratsanträge eingehen können. Doch eine Heirat oder finanzielle Abhängigkeit kam für sie als Freigeist nicht in Frage und sie hatte erwartet, diesen Umstand durch ihr Verhalten deutlich gemacht zu haben. Sie stand gerne zwischen den Stühlen und war verwundert, wie viele junge Männer sich verliebten und bereit waren für die Angebetete alles hinzuschmeißen. Noch viel es der Arkadjewna also schwer die Vorteile dieser Abmachung zu erkennen, aber auch die Beweggründe des Mannes ließen sie stutzen, hatte er zuvor doch keinerlei Mühe auf sich genommen, sie wiederzusehen. Für einen Moment konnte sich die Schauspielerin von ihren sorgenvollen Gedanken lösen, als Kittys Hündin sich durch ihr lautes Gebell in den Vordergrund und in den Fokus aller Aufmerksamkeit drängte. Sich nach Entspannung sehnend und den Ball der Koketterie zurück an Alexej spielend, löste die Schauspielerin eine silberne Spange aus ihrem Haar, sodass es – beinahe schon theatralisch – über ihre Schultern und Rücken schwang. Mit neugierigem Blick musterte sie den dunkelhaarigen und hochgewachsenen Mann, der standesgemäß einen äußerst gepflegten Eindruck machte. Dass ihm die Schauspielerin in schlichter Kleidung, unfrisiert, nicht gepudert und insgesamt völlig unvorbereitet entgegentreten musste, schüchterte sie jedoch nicht im Geringsten ein. In dem einseitigen Mienenspiel zog der Hochgewachsene nun die Braue hoch, scheinbar verwundert über die Tatsache, dass sich Anna ihrer Rolle als Ljudmila bereits sicher war. Die von neuem geschürzten Lippen zogen sich zu einem spöttischen, als auch koketten Grinsen zusammen. “Selbstredend. Niemand wird Ljudmila so verkörpern, wie ich es tun werde …“Die Arkadjewna räusperte sich merklich bei diesen Worten und benetzte mit ihrer Zungenspitze ihre Lippen. Sie war sich ihrer Sache sicher, natürlich; und um den neuen Financier herumscharwenzeln entsprach nicht ihrem Wesen, musste sie diese Erniedrigung für eine Rolle schließlich auch noch nie über sich ergehen lassen. Doch der feine Herr hüllte sich in ein mysteriöses Schweigen und strich sich, intensiv über die Vorstellung von Anna als Ljudmila nachdenkend, über das markante Kinn. Sie selbst kam nicht umhin bei seinem seltenen Lächeln – dennoch scheinbar ganz nebenbei – mit ihrem Blick über die geschwungenen Lippen des Mannes zu fahren und angenehm amüsiert festzustellen, dass diese Teile ihres Körpers bereits besonders gut kennen gelernt haben. Alexej trat einen Schritt auf die Frau zu, die es zuließ, indem sie selbst nicht auswich und damit sein Näherkommen zuließ. Aufmerksam und neugierig auf das Kommende, musterte sie seine Gesichtszüge im hellen Licht der Bühne, wobei die eine Hälfte des Gesichts im Dunkeln lag. Höflich bat er ihr seinen starken Arm und Anna ging auf diese Geste ohne zu zögern ein, ihren schlanken Arm bei ihm einhackend. Sein Flüstern in ihrem Ohr ließ sie leise die Luft einziehen, und ihren Kopf leicht zur Seite legend, spürte sie seinen heißen Atem auf ihrer nackten Haut. Ob es etwas geändert hätte? “Natürlich!“ bejahte sie mit heller Stimme, in den leeren Theatersaal blickend. “Hätte ich von diesem regem Interesse und der fixen Idee bloß eine Ahnung gehabt, so hätte ich mich nie so weit aus dem Fenster gelehnt.“ sprach sie mit glockenheller Stimme, in der eine gewisse Belanglosigkeit schwang. “So befinde ich mich in einer durchaus prekären Lage.“Die Arkadjewna sprach meistens offen aus, was sie dachte, erkannte sie nicht den Sinn dahinter um den heißen Brei herum zu reden. Sie klang keineswegs erzürnt, doch in ihrer Stimme schwang ein wirklich reges Interesse und vor allem die Frage Was willst du hier? wirklich?". “Wünscht der Herr eine Führung?“ fragte sie, lächelnd Michail zuwinkend um ihn zu zeigen, dass sie alles durchaus im Griff hatte.
auld.lang.syne am 27.7.15 22:01


Die Mühe, den Zufall für sich spielen zu lassen, um ihr 'rein zufällig' über den Weg zu laufen, hatte nun stattdessen er sich gemacht und das Ergebnis war ein hervorragendes gewesen. Dass auch sie ihn nicht hatte wiedersehen wollen, so, wie er es von anderen Frauen kannte und gewöhnt war, hatte ihn anfänglich irritiert, wenngleich nicht sofort gestört. An sich waren ihm diese Geschöpfe des Alltags recht unliebsam, denn sie interpretierten in jedweden Dingen des Lebens eine ganz eigensinnige Ansicht hinein, wie zum Beispiel er könne sie heiraten wollen, gleich hier und jetzt auf der Stelle, am liebsten schon gestern als heute, nur, weil er mit ihnen etwas Zeit oder gar eine oder mehrere Nächte verbracht hatte. Dass dies allerdings kaum ein Kriterium war, um eine Charkowa zu werden, kam ihnen nur leidlich in den Sinn – sie taten das, was ein Mann sich nur wünschen konnte und genau daran lag es. Sie benahmen sich wie die leichten Mädchen am Hafen, die Meerjungfrauen, wie Dimitri sie scherzhaft zu nennen begonnen hatte (solche, die gleich einen ganzen Abend berechneten und auch noch Syphilis obendrauf gaben), aber sie besaßen zumeist weder über Geist noch gesellschaftlichen Status. Dass es Alexej nach beidem verlangte war klar, er brauchte kein tumbes Püppchen an seiner Seite, gleichwohl auch keine Hexe oder eine, die stets lauthals nach ihren Rechten krakelte, und das machte die Sache so ungemein schwierig. Er hatte nach Irina nicht mehr mit dem Gedanken gespielt, zu heiraten. Nach was sollte er suchen? Unschuld? Intelligenz? Geld? Status? Es war einfacher, sich ein Pferd auszusuchen als eine Frau –man konnte so viele Fehler begehen, dass es beinahe erschreckend war. Der Gedanke, einfach alleine zu bleiben, war reizvoll, denn sein Bett musste durchaus nicht leer sein, aber offenbar leider nicht ausführbar. Politiker brauchten, wozu auch immer, eine ordentliche Frau an ihrer Seite, eine Zarin, die ihr Herz eroberte; wenn nicht das, dann doch zumindest ihren Geldbeutel, wie so mancher scherzhaft in diesem Zuge erwähnt hatte. Sie sahen sich an, eine gefühlte Ewigkeit wohl, in Wahrheit aber nur wenige Sekunden lang – nicht zu auffallend, um Michail die Stirn runzeln zu lassen, der aufmerksame Regisseur verblieb ohne Ahnung und meinte darin lediglich das allgemeine Interesse an ihrer Person zu erkennen, so, wie es die meisten Menschen, ihn inklusive, taten. Lange genug, um das blitzende Grau ihrer Augen zu mustern und festzustellen, dass ihm ihre Farbe im schönsten Moment der Zweisamkeit sehr dunkel vorgekommen war, die Intensität träge ob des Wohlgefallens, verschleiert und faszinierend in genießerischer Trance. Nun aber wurde er erneut Zeuge ihres regen Mienenspiels, welches das Gebaren und das emotionale Empfinden mit einschloss; binnen kürzester Zeit veränderte sich ihr Ausdruck, als Michail ihr seine Position als Financier dargelegt hatte. Er musste beinahe grinsen. Offenbar missfiel der Dame dieser Gedanke und wohingegen sie keinen Hehl aus ihrer zudringlichen Herausforderung machte, verbarg er sein Amüsement darüber vollkommen. Sie würde nichts daran ändern können, sondern könnte höchstens aus dem Stück austreten und einer anderen Schauspielerin ihren begehrten Platz überlassen. Würde sie aber darüber hinwegsehen können, dass er ihr Leben einfangen konnte wie das eines Schmetterlings, so würden ihr dadurch womöglich sämtliche Türen offenstehen und sie könnte für weitere Tage, Wochen, Monate der schöne Stern am Himmel des Zarenreiches sein. Wildes Gebell ließ ihn aufmerken und den Blick von seinem Gegenüber nehmen, geradewegs an der zarten Schulter vorbei und herüber zur Bühne, dort, wo sich das tierische Ereignis abspielte und er sich fragen musste, weshalb es einen Hund im Theater gab und dieser nun eben solches veranstaltete. Gab es hier etwa und womöglich ebenso eine Katze? Der Ausruf eines weiblichen Namens ließ zumindest im ersten Moment darauf schließen, verbarg sich dahinter aber lediglich das Kürzel eines Mädchens und Alexej hob das markante Kinn leicht an, als sich der Regisseur entschuldigte, um der Sache eilend nachzugehen. Kitty, Michail und besagter Hund waren alsbald aus dem Blickfeld entschwunden und die Szene war beendet. Die nächste Szene wurde sogleich von der Arkadjewna eingeleitet und gründete darin, von ihr vollkommen eingenommen zu werden, jetzt, da sie alleine mit ihm war. Ihre dunklen Haare ergossen sich wie flüssiges Öl über ihre Statur und er erinnerte sich daran, wie sie gerochen hatten und wie weich sie gewesen waren, als er ihr neckend die Frisur gelöst hatte, um seine Finger darin durchgleiten zu lassen. Es war ihm egal gewesen, ob sie darüber erzürnt gewesen wäre und wie sie diesen Fauxpas der Gastgeberin später hatte erklären müssen, aber ihre schönen Haare waren mitunter das Erste gewesen, was ihm an ihr aufgefallen war. Das Stück, um welches sich hierbei handelte und worüber die Rede war, war 'Ruslan und Ljudmila', eine Oper in fünf Akten von Glinka. Die Uraufführung war 1842 in Sankt Petersburg gewesen und Alexej kannte dieses Stück seiner Mutter wegen, zum ersten Mal hatte er es mit sechs Jahren gesehen und war währenddessen eingeschlafen. Das zweite Mal war er 17 gewesen und neben ihn hatten Nastja und Dima gesessen. Nun sollte die Oper aufgrund Glinkas Geburtstag im Frühling noch einmal in die Theater kommen, um dem knospenden Frühling zu huldigen und den kommenden Sommer zu feiern. Dass sie bereits davon so überzeugt war, dass sie die Rolle der Ljudmila verkörpern würde, überraschte ihn nicht, dennoch zog er in ernsthafter Manier eine Braue hoch: „So?“, entgegnete er interessiert, gerade so, als hörte er davon zum ersten Mal. Er wandte für einen kurzen Moment den dunklen Blick von ihr und strich sich mit der Linken überlegend über das Kinn, dessen Beschaffenheit und jene der Wangen von einem gepflegten Dreitagebart gezeichnet war, ließ sich aber im ersten Impuls zu keiner Bejahung oder Entscheidung hinreißen. Stattdessen legte er ob ihrer weiteren Worte die Aufmerksamkeit neuerlich auf ihr Antlitz und musste nun wahrhaftig und tatsächlich lächeln; eine Mimik, die sich wie eine Klinge an seinen Mundwinkeln entlang wetzte. Er kam ihr näher. Einen Schritt nur, aber es reichte, um ihr höflich den Arm anzubieten und ihr bei dieser Bewegung ganz unverfänglich in die Nähe ihres Ohres zu kommen: „Hätte es etwas daran geändert?“, fragte er so lapidar, als spräche er über das heutige Wetter.
auld.lang.syne am 27.7.15 22:01


Mädchenhaftes Gekicher begleitete die junge Schauspielerin auf ihrem Weg zur Bühne. Die jungen Statistinnen drückten sich mit vorgehaltener Hand an die kühle Wand des Theaters und stolperten beinahe über ihre kleinen Füße, während sie immer wieder einen Seitenblick auf Anna warfen. Sie fanden schnell Gefallen an ihrer Schönheit und Jugend, und waren schnell dem Zauber der Schauspielerin verfallen. Sie schwärmten für sie, wie nur junge Mädchen für erwachsene und verheiratete Frauen schwärmen konnten. Das die Schauspielerin unverheiratet war tat nichts zur Sache, schließlich wartete ein äußerst anschaulicher Gentleman auf ihre Ankunft. Die Arkadjewna kam ihnen wie eine Dame aus der großen Welt vor, gar nicht wie eine Frau Ende Zwanzig. Sie glich eher einer Zwanzigjährigen, so mädchenhaft und beschwingt war ihre Art sich zu bewegen und so frisch und unmittelbar die Lebendigkeit ihres Gesichts, die sich bald in ihrem Lächeln und bald in ihrem ernsten, zuweilen sogar schwermütigen Blick ihrer Augen spiegelte. Neben ihrem Talent als Schauspielerin, war die Faszination, die sie zuweilen auf ihre Umgebung ausübte, ein ausschlaggebender Grund für ihren Erfolg. Niemand wollte eine talentierte, aber unsympathische Schauspielerin sehen. Glücklicherweise waren der Arkadjewna beide Talente in die Wiege gelegt und so bedarf es keinerlei Anstrengung, die Zuschauer und Gesellschaft für sich zu gewinnen. Sie fuhr sich beim Anblick des Politikers unwillkürlich mit der der Zunge über die geschwungenen Lippen, doch sie zögerte nicht, um sich zu dem Direktor des Theaters und zu seiner Begleitung zu gesellen. In den wenigen Augenblicken, die sie noch von den beiden Herren trennte, tauchten die Bilder eines berauschenden Abends vor ihrem geistigen Auge auf. Der Abend bei den Druchenkows hatte einen für Annas Geschmack äußerst interessante Wendung genommen. Sie folgte an diesem Abend glücklicherweise der Einladung einer guten Freundin und Schwester der Hausdame und war dementsprechend auch ohne Begleitung erschienen. Im Verlauf des Abends führte eines zum anderen. Sie liebten sich, berührten sich und ruhten nach dem Sturm. Tatsächlich brannten die Berührungen des Politikers bei dem Gedanken immer noch heiß auf ihrer Haut und die Arkadjewna kam nicht umhin mit ihren schlanken Fingern über die Spur an ihrer Halsbeuge zu fahren, die seine Lippen ihr hinterließen. Die Dunkelhaarige musste schlucken und sich innerlich ermahnen, verspürte sie bei den aufkommenden Erinnerungen ein wohliges Kribbeln in ihren Lenden. Der Umstand, dass sich der hochgewachsene, dunkelhaarige Mann nach dieser ekstatischen Nacht nicht um ihre Gunst bemüht hatte, kränkte nicht ihre Ehre als Dame, denn glücklicherweise blieb die Schauspielerin von dieser Art von Schwächen des weiblichen Verstandes weitestgehend verschont. Doch kratzte dieser Umstand eher an ihrem Ego, vielleicht sogar mehr, als sie es sich eingestehen wollte, schließlich war sie anderes gewohnt und sie genoss es ungemein, von den feinen Herren der Moskauer Gesellschaft umworben zu werden. Doch letztendlich hatte sie – Ego hin oder her - ebenso wenig Mühe hineingesteckt, Alexej Charkow erneut – zufällig – über den Weg zu laufen. Michail nahm Anna bei der Hand, vorsichtig, um sie nicht kaputt zu machen. “Das ist sie … „sprach er kaum hörbar, ehe er sie formvollendet dem Finacier vorstellte. So konventionell diese Phrase auch sein mochte, die Arkadjewna nahm sie als bare Münze und freute sich darüber. Gerade aufgerichtet stand sie vor Alexej und ihre Augen lächelten, während dieser den Kopf zu einer ihr standesgemäßen Begrüßung neigte. Der geheimnisvolle Mann gab lediglich eine kurze Antwort auf die Frage der Arkadjewna, deren volle, geschwungenen Lippen ein stummes Aahformten. Doch Michail der Direktor nahm es sich nicht, seinem größten Erfolg eine weitaus ausführlichere Antwort zu geben, während er sich die Brille richtete. … er finanziert das nächste Stück, Liebes, Alexej Jegorewitsch hat sich dazu bereit erklärt eine beträchtliche Summe für das Theater aufzubringen“ Anna wandte bei keinem Wort des Direktors den Blick von dem dunkelhaarigen Politiker, dessen strammen und breiten, aber vor allem nackten Rücken sie noch sehr gut in Erinnerung hatte. Erneut erhellte ein Lächeln ihre Züge, und auch hier galt das zutrauliche Lächeln dem großzügigen Sponsor, der Schnörkellosigkeit vorzog. Eine Eigenschaft, die auch der Schauspielerin nicht entgangen war, war ihr kurzes Intermezzo ganz ähnlich verlaufen, was ihr durchaus zusagte. Im Gegensatz zu seinen starren Gesichtszügen,, waren Annas fein geschnittene Züge voller Lebendigkeit, andernfalls hätte sie als Schauspielerin keinerlei Erfolge verbuchen können. Doch die schöne Russin kam nicht umhin bei den Worten ihres geschätzten Direktors die Lippen zu schürzen, hatte sich der Politiker in ihre Welt geschlichen, zumindest finanziell. Dennoch war sie von seiner Gunst abhängig und dieser Umstand missfiel ihr, was sich in einem spöttisch kühlen Blick deutlich machte, der unerträglich zudringlich und herausfordernd auf den ein oder anderen Wirken konnte. Die schwarze Spitze ihres Kleides erbebte unter dem starken und rhythmischen Herzschlag der Lebedame. „Und Sie, haben Sie sich bereits mit dem Stück beschäftigt?“ Die Schauspielerin benetzte erneut ihre Lippen mit der Spitze ihrer Zunge um zu einer Antwort anzusetzen, doch wildes Gebell auf der Bühne hinderte sie daran. “Kitty! Kitty!“Michail trat einige Sprünge zur Bühne, wandte sich auf dem Absatz um und deutete mehrere, hektische, aber nicht weniger entschuldigende Verbeugungen an. “Entschuldigen Sie mich bitte einen – Augen-blick!“. Der Direktor wandte sich erneut um und entschwand, wild gestikulierend, schimpfend und den Hund der armen Kitty jagend in Richtung Bühnenaufgang. Anna beobachtete einen kurzen Augenblick das Schauspiel, löste dann ihre Haarspange, sodass sich ihr langes und dunkles Haar löste und wie schwarzes Öl über ihre schmalen Schultern fiel. “Selbstverständlich habe ich mich bereits mit dem Stück beschäftigt...“sprach sie selbstbewusst, den Kopf leicht schräg legend. “Schließlich soll ich die Hauptrolle spielen.“Ihre Worte waren weniger eine Frage, als eine feste Überzeugung dieser Tatsache, auch wenn dem Freigeist absolut bewusst war, dass die Entscheidung nun nicht mehr allein dem Direktor oblag. “Mir waren die Tragweite Ihres regen Interesses an der theatralischen Kunst nicht bewusst...“sprach sie kokett, die Arme vor ihrer wohlgeformten Brust verschränkend. “Aber ich sollte mich wohl für Ihre Großzügigkeit bedanken. Es ist … fabelhaft!“ sprach sie, theatralisch gestikulierend. Schwierig, als Schauspielerin im Theater die Koketterie der Theatralikvabzulegen.
auld.lang.syne am 27.7.15 22:00


Die unbestreitbare Tatsache, dass soeben der sehr vorteilhafte Nebeneffekt seines Tuns in Kraft trat, überflügelte in diesem Moment die reine Willkür jener Idee, sich der Herzen der Moskauer zu nähern, indem er ihnen Brot und Spiele gab. Politik selbst war beinahe ein Theaterspiel. Da gab es die Hauptbesetzung, die Nebendarsteller, Leute, die hinter der Bühne arbeiteten und von dort aus die Fäden zogen sowie der Ersatz auf der zweiten Bank – ein Vergleich, der ihm schon sehr früh in seiner Karriere gekommen war und es gab kaum einen Ort nebst seines Schreibtisches und des Politikzimmers des Zaren an welchem er lieber wäre, als in einem Theater. Die verschiedensten Musen lagen seither der Familie Charkow anheim, oder besser gesagt der Familie seiner Mutter, die Kolesnichenkows, denn wohingegen sein Vater das sportliche Vergnügen der Jagd stets einem anderen Vergnügen vorzog, sofern es nicht gerade seine Ehefrau betraf, so war es immer Sofina und deren Mutter, seine Großmutter also, gewesen, die den Kindern den Sinn des Schönen nahegelegt hatten. Gerade an ihren Söhnen war ihr gelegen, dass sie Schönheit nicht nur im Betrachten einer gefälligen Frau erkannten, sondern diese auch in der Natur, der Kunst, der Musik und der Dichtung suchten und fanden. Schließlich lag die Grausamkeit dieser Welt in den Händen der Sachlichkeit – Tod, Krieg und schlimme Ereignisse mochten so viel besser erscheinen, wenn man sie nur anders sehen könnte. Anastasia schien diesen Gedankengang verstanden zu haben, Dimitri tat immerhin so als ob (obgleich er die Lektion, das andere Geschlecht sei nicht nur seines Antlitzes wegen begehrenswert, stets in dessen Dekolleté oder unter dessen Röcken zu suchen schien) und Alexej gab sich wahrhaftig Mühe, seine Prinzipien und Taten in eine angenehme Richtung schwenken zu lassen, sofern sie ihm nützlich waren. Für ihn war das Leben nun einmal keine poetische Welt und er vermochte es dagegenhaltend recht vortrefflich, die genannte Sachlichkeit für sich zu gewinnen und arbeiten zu lassen, weil es genau diese Karte war, welche auszuspielen er gelernt hatte. Deswegen wäre seine Mutter auch niemals in der Politik glücklich gewesen. Auch sein Vater nicht, der zwar hervorragend prahlen und organisieren konnte, ansonsten aber recht wenig zu verbergen hatte – einfach aus dem Grund, weil er es nicht konnte. Er schaffte es ja nicht einmal, das Naschen einer Sahnetorte einem anderen in die Schuhe zu schieben. Alexejs Laune, die, vergraben unter sehr viel Tüll, Pomade und Puder, mit jeder halben Stunde kontinuierlich schlechter geworden war, besserte sich. Der Regisseur sprach in der Zeit des Verweilens ein paar flüchtige Worte des Smalltalks, auf welche der Politiker nicht näher einging, denn gleichwohl er zuhörte, blieb er bar jedweder Antwort. Das Wetter war recht angenehm, sicher, und der neue Samtvorhang machte sich ganz prächtig auf der Hauptbühne. Sein Interesse aber galt einer vollkommen anderen Wichtigkeit: die Dame, die zu holen man veranlasst hatte. Noch immer verspürte er den sanften Nachdruck ihrer rosigen Lippen auf den seinen, roch das Parfum, welches sie an diesem einen Abend getragen hatte … und sein Mund, der auf ihrer weichen Haut gelesen hatte, erfahren, neugierig. Eine spontane Verheißung, eine glühende Kurzweil sehnsüchtiger Augenblicke. Kurzum, das Dinner bei den Druchenkows hatte sich mit einem gänzlich unerwarteten Ausgang gerühmt, mit dem keiner hatte rechnen können. Und nun, da er sehr vertraut war mit der Garderobe der Druchenkows und er um sämtliche Mäntel und neuesten modischen Errungenschaften Galina Sergejewnas wusste, schließlich hatte er darauf gelegen, musste er sich fragen, wie es ihr seither ergangen war. Sie, die Arkadjewna, ein strahlender Stern am Firmament des russischen Himmels – der schwarze Schwan nebst des kaiserlichen, doppelköpfigen Adlers. Er war nicht verliebt. Alexej war seit jener Lappalie in seiner Jugend von jedweder Gefühlsduseligkeit frei und wies die Meinung, Amor könne jedes Herz erweichen, weit von sich. Amor war ein Freund von jungen Ungestümen und naiven Alten. Die Frauen in seinem Leben kamen und gingen, manche verweilten sogar für einige Augenblicke, schafften es aber nicht ihn an sich zu binden und gleiches galt für ihn, was jedoch darin zu begründen war, dass er es seither nicht mehr versucht hatte. Der lästige Umstand, der ihn überhaupt nach Moskau geführt und ihm teilweise deshalb die Stadt so unerfreulich gemacht hatte, nahm jedoch zum Anlass, dass er etwas daran änderte. Sie hatten sich seither nicht gesehen, geschweige denn miteinander geschrieben. Er hatte, um ehrlich zu sein, nicht die leiseste Anstrengung unternommen, sich um ihre Privatadresse zu bemühen, ihr eventuell seine Karte aushändigen zu lassen, sie um ein weiteres Treffen zu bitten. Da dies allerdings auch auf ihr selbiges Handeln zutraf, fühlte er sich dazu genötigt, eine gewisse Faszination zu verspüren. Sie war eine Diva und darüber musste er lächeln. Als sie sich näherte und er neben sich hörte, wie Michail verhalten die Luft scharf einzog, gerade so, als dürfe er nun eines dieser berühmten Kunstwerke aus der Nähe betrachten, erhob sich auch Alexej vom bequemen Theatersitz und wandte sich langsam in jene Richtung, in welche der andere gespannt blickte. Die großen Schritte, die sie tat, sprachen von ihrem außerordentlichen Selbstbewusstsein und selbst wenn sie nicht mit ihrem Gesicht gesegnet gewesen wäre, so hätte allein dieser Effekt schon ausgereicht, um sämtliche Blicke auf sich zu ziehen – wo sie auftauchte, loderte das Feuer. Die Geschichten, die man sich über sie erzählte, kannte er, zog es aber vor sie nicht weiter zur Kenntnis zu nehmen, sondern sich ein eigenes Bild zu machen, immerhin war er nun in bester Lage dazu. Denn wenn sie die Hauptrolle haben wollte, so musste dies erst durch ihn genehmigt werden; und er hatte nicht vor, dieser Gelegenheit allzu schnell Raum zu geben, oh, nicht doch. „Madame“, entgegnete er höflich, der tiefe Timbre seiner angenehmen Stimme verließ den satten Kehlenklang seiner und indes er die linke Hand auf seinen Rücken legte, neigte er den Kopf zu einer angemessenen Begrüßung, die nicht darin gipfelte, dass er ihr den Handkuss abnahm – sie bot ihm diese weder dar, noch war sie von solcherlei Stand. Es war dieselbe Begrüßung, die er ihr bereits beim Dinner angetragen hatte, doch es schien gerade eher unpassend zu sein, zu erwähnen, dass sie sich durchaus schon kannten und sie schien denselben Gedankengang zu hegen, weshalb er lediglich mitzuspielen brauchte, während der Regisseur seine Grande Dame anpries. Der Gedanke, dass diese Art der Behandlung auch Anastasia gelten mochte oder konnte, ärgerte ihn, aber das sollte nun nicht zum Thema stehen und er verwarf den unliebsamen Groll. Der Arkadjewna stattdessen direkt in die Augen sehend, war es wiederum ihr eigenes Antlitz, welches zu sehen sie in der Lage sein würde, denn sein Focus war dunkel, warm oder dräuend, je nachdem in welcher Situation man sich gerade befand – man mochte in diesem sehen, was man sehen wollte, niemals aber das, was es tatsächlich auf sich hatte; Alexej Charkow hütete sein Leben und sein Innerstes wie ein Buch mit sieben Siegeln, nichts drang nach außen, seine Fassade war glatt, spiegelnd, imposant, dunkel; starb er, starben sämtliche Geheimnisse mit ihm. Auf ihre Frage hin bekam sie gleich zwei Antworten: „Die Arbeit“, war zum einen die knappe, lapidare des Dunkelhaarigen gewesen und zum anderen mischte sich Michail mit ein, der Anlass dazu sah nähere Ausführungen zu erläutern, vermutlich dem treuen Pflichtbewusstsein erlegen seiend, den kostbaren Sponsor stets über den grünen Klee zu loben: „ … er finanziert das nächste Stück, Liebes, Alexej Jegorewitsch hat sich dazu bereit erklärt eine beträchtliche Summe für das Theater aufzubringen“, der Satz endete mit einem Lächeln, wohingegen der Betroffene nichts dergleichen aufwies. Nicht, dass er stets ein gewisses Desinteresse vorschob, er war nur einfach nicht der Typ Mensch, der mit übermäßiger Mimik hausieren ging – sein Gebaren war zielgerichtet, präzise und effektiv, Tand und Schnickschnack standen ihm nur kaum zu Gesicht. „Und Sie, haben Sie sich bereits mit dem Stück beschäftigt?“, fragte er direkt an die Schauspielerin gewandt, ganz der Financier seiend, der vor den Augen der anderen nicht mehr und nicht minder tat, als die Leistung derjenigen zu begutachten, die von seinem Geld profitieren sollten.
auld.lang.syne am 27.7.15 22:00


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