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D.ARK W.ALTZ
We are the lucky ones
We shine like a thousand suns
When all of the colour runs together
I'll keep you company
In one glorious harmony
Waltzing with destiny forever

18. März 1881 an einem Mittwochmittag.


'No ne grusten ja, ne petschalen ja, uteschitelna mne sudba moja, ...', der tiefe Klang der männlichen Singstimme hallte in den prächtigen Räumlichkeiten wider, mochte vielleicht als etwas dumpf abgetan werden, musste sie doch allerhand geschlossene Türen durchwandern, denn der Akteur stand auf der Bühne, neben ihm eine kleine Sängerin, deren hohe Stimme sich als wiegende Begleitung, eines zarten Windes gleich, wie Glöckchen ganz sanft zum dunklen Volumen beimengte, es umtänzelte und dem leidenschaftlichen Lied seine traurig anmutende Note nahm, bis sich beide Stimmen im hohen Saal verloren. Ein Geiger im Graben hustete, ein anderer hörte mitten im Lied auf, um mit griesgrämigen Gesicht sein Instrument neu zu stimmen – indes auf der Bühne eine konzentrierte Atmosphäre herrschte, die lediglich darin Anstoß finden konnte, dass die Schauspieler auf ihr in ganz normaler Alltagskleidung standen, flatterte um sie herum das Leben. Komparsen, Bühnenarbeiter und andere liefen geschäftig hin und her, manch anderer wiederum drückte sich direkt am schweren Samt des gewaltigen Vorhangs herum, um sich die Proben von dort aus anzusehen oder seinen Part abzuwarten, während der Blick immer wieder zum kritischen Ausdruck des Regisseurs huschte, der unten in den mittleren Reihen Platz genommen hatte, dort, wo das Publikum sitzen sollte: verdunkelte, unkenntliche Gesichter en masse, während sie hier oben im Licht standen, ihre Rolle spielten und durch das Orchester vom Rest der Welt abgeschirmt waren. Verträumte, junge Mädchen mochten sich ausmalen, dass dort ihr Liebhaber säße – irgendein gutaussehender Offizier oder dergleichen - und zu ihnen hinauf sähe oder aber ein reicher Herr, möglichst gutaussehend, der sie aus der Ferne bewunderte, nur, um ihnen anschließend den Hof zu machen, ein einflussreicher Patron in dieser harten Welt. Auch die männliche Besetzung vermochte es diese Karte für sich auszuspielen. Leider war es jedoch zumeist nur so beschaffen, dass die wirklich einflussreichen und gut betuchten Damen bereits ein gewisses Alter überschritten hatten und sich nach etwas sehnten, das jünger war als der eigene Sohn; aber auch das Bett einer alternden Witwe war ein warmes Nest. 'Ich bin jedoch nicht traurig, ich bin nicht betrübt, mein Schicksal ist tröstlich für mich, ...', das Lied war eine beliebte Weise gedichteter Feder, zu welcher später eine Melodie gefunden worden war. Ob er sich um Anastasia Sorgen machte? Weniger, wenngleich der nagende Gedanke, sie könne sich ebenfalls irgendeinem alten Adligen, der hübschen Mädchen hinterher gierte wie der Teufel hinter der armen Seele, oder einem nichtsnutzigen Offizier, der nicht mehr besaß als sein anziehendes Lächeln und sein Leben, an den Hals werfen, nur, um so etwas wie die große Liebe zu erfahren, denn dass sie tatsächlich daran glaubte, das wusste er. Er selbst war dereinst diesem Irrglauben verfallen gewesen, doch war es sie selbst gewesen, jene – seine - große Liebe, die ihn von ihr kuriert hatte; der Tod persönlich hatte sein Siegel dafür gegeben. Aber Nastja besaß genügend Eigenkapital von Geburtswegen her und musste sich dessentwegen nicht für irgendein Großväterchen verdingen, seine Sorge galt dann doch eher all diesen Weltverbesserern, den Poeten und den Gutmenschen diesseits und jenseits des Urals, denn eine Uniform allein konnte seine Schwester vermutlich nicht reizen. Er kannte sie, sah die ganzen jungen Burschen auf den billigsten Plätzen sitzen – dafür so oft wie möglich -, immerhin besaßen sie nicht genügend Rubel für mehr, aber das reichte ihnen womöglich auch. Die Chance, an einem kulturellen Abend teilzunehmen, egal wie, war zu schön, um stattdessen vielleicht zu sparen, damit sie sich eines Tages einen besseren Zwirn sowie eine bessere Karte würden kaufen können; sie dachten alle nicht weit genug nach – entweder waren sie zu kurzsichtig oder die Damen des Bolschoi zu schön, wenn nicht gar beides zusammen. Auch er selbst, Alexej, hegte eine gewisse Neigung für das Schöne im Leben, um was es sich hierbei handelte entschied er jedoch selbst. Seine jüngere Schwester hatte also nicht länger als sonst dafür aufwenden müssen ihren Bruder bei einem Nachmittagsspaziergang davon zu überzeugen, er möge doch bitte das kommende Stück finanzieren, es könne seiner Karriere zumindest nicht schaden, sondern im Gegenteil, ihm im Volk eine gewisse Zuneigung sichern, denn das Herz der Moskauer war groß und leidenschaftlich; gleichwohl er Moskau nicht mochte, so musste er es trotz alledem gütig stimmen. Noch am nächsten Tag hatte er den Vertrag unterschrieben und zusammen mit Nastja und dem Besitzer des Theaters zu Abend gegessen. Anastasia allein war aber nicht der Beweggrund gewesen, auch nicht sein gesellschaftlicher Status innerhalb der Stadt. Da gab es noch etwas anderes, das ihn interessierte und ihn vermutlich nicht besser machte als all die Erwähnten, die nicht nur der Muse wegen den Weg Richtung Bolschoi einschlugen. Der feine Unterschied bestand jedoch darin, dass er sich nicht nur einen besseren Sitzplatz leisten konnte, sondern das ganze Stück zu kaufen in der Lage war. Nichts passierte, ohne, dass es über seinen Schreibtisch gegangen war, obwohl er nun nicht wirklich das gesamte Werk finanzierte, aber den Gros sponsorte; selbst die Besetzung war eine Sache gewesen, auf welche er hätte Einfluss nehmen können, wenn es er gewollt hätte.Hatte er aber nicht, solange nur sie darin vorkam. Er bezahlte den ganzen Kladderradatsch, sie sang für ihn, er war der Wohltäter, Verbeugungen, Reden halten, so einfach war das. … der Direktor ließ den schimmernden Stoff des wallenden Rocks wieder fallen, den er zur Verdeutlichung hochgehoben hatte, so dass dieser zurück und um die baren Knöchel des zarten Dings fiel, das da erhöht auf einem Schemel stand und eher weniger als mehr bekleidet vor ihnen posieren musste; das hochgesteckte, feine und blonde Haar des Mädchens mit den großen Augen war so hell, dass die rausgerutschten Strähnchen wie Flaum in seinem Nacken lagen (hätte er es berührt, so wäre sie sicher vor Schreck vom Hocker gefallen). Auf der Haut der nackten Oberarme hatte sich eine Gänsehaut gebildet, offenbar fröstelte ihr und Alexej sah von ihr zu der Schneidermeisterin herüber, die hager und düster hinter der Tänzerin stand, als sei sie deren dunkler Schatten. Es war ihm einerlei was die Schauspieler tragen würden, von welcher Machart,Beschaffenheit und Schnitt die Kostüme sein würden, sie konnten seinetwegen auch vollkommen ohne auskommen und wie Adam und Eva auftreten, sofern es der Sache dienlich war – es wäre ihm generell sehr recht, würde man ihn nicht dergleichen in die Entscheidungsgewalt mit einbeziehen, sein Kommen hatte jedoch offenbar ein solches Tohuwabohu verursacht, dass er, der finanzielle Gastgeber, nun seinerseits der Ehrengast an diesem Tage war. Obgleich er nur einen kurzen Abstecher hatte machen wollen, um das Vorankommen zu begutachten, hatte man stattdessen darauf bestanden, dass er auf alles ein Auge warf. Er hatte das Gefühl, dass damit tatsächlich alles gemeint gewesen war, bis zum hintersten Winkel der staubigsten Requisitenkammer. Sein dunkler Blick wanderte kurzzeitig und eher desinteressiert über die 16-Jährige. Ihre hellen Wimpern erzitterten, als sie sich dessen gewahr wurde und sie schlug diese nieder, gerade rechtzeitig, um die Hand zu bemerken, die er ihr anbot: „Bitte“, zwei Silben waren es nur, sein tiefer Timbre kräftig und ausdrucksstark. Die Schneiderin trat schnell hervor, um weitere Erläuterungen vorzunehmen, wurde jedoch noch beim Luftholen unterbrochen, da er ihr abwinkte: „Die Arbeiten sind hervorragend, ich wünsche keine Änderungen und möchte zudem sämtliche Einflussnahme meinerseits ausschlagen, um dem Wirken nicht entgegenzustehen“, die Schneiderin knickste steif, indes die Blonde geschmeidig vom Hocker glitt, ihre schmale Hand in der seinigen wie Weidenzweige seiend und nur wenig Druck ausübend. „Das gilt im Übrigen für alle Bereiche“, fügte er hinzu und erwiderte das schüchterne Lächeln des Mädchens nicht, sah stattdessen zum Direktor und zog anschließend seine Hand zurück. Sie bemerkte seinen Gleichmut ihr gegenüber rasch, schalt sich gedanklich einen Narren, errötete schamhaft und knickste schnell, um daraufhin noch schneller davon und in den nächst stehenden Raum zu huschen. Der Direktor blinzelte, lächelte aber daraufhin seinerseits, offenbar glücklich darüber seiend, dass man ihm nun offiziell die Führung zurückgegeben hatte und er keine Einmischung mehr fürchten musste. Alexej hatte es satt. Noch einen Tüll besetzten Stoff mehr und er brauchte definitiv mehr als nur einen guten Schluck Vodka. „Nun, man findet mich bei Herrn Pechnikov“, und mit diesen Worten wandte er sich zum Gehen. Michail Vladimirowitsch Pechnikov, der Regisseur, schob seine Brille zurecht, als er Schritte vernahm, die sich ihm von hinten näherten. Sie waren zu selbstsicher und zu kräftig – von gutem Schuhwerk zeugend -, um jemandem zu gehören, der es wagte, ihn einfach zu stören. Als er sich umwandte, verharrte er kurz, überlegend, ehe er sich erhob und sich vor dem Politiker verbeugte: „Alexej Jegorewitsch“, sagte er höflich und bot dem Dunkelhaarigen den Platz neben sich an. Der Regisseur hingegen blieb danach stehen und rief nach einem vorbeilaufenden Jungen: „Ich lasse nach Anna Arkadjewna holen“, erläuterte er dem anderen mit einem gewissen Stolz, etwas, was Alexej eine Braue heben ließ. Sie war also doch hier. Er lächelte. Hervorragend.
27.7.15 20:35