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Es lag ein einnehmender Geruch von Harz, schweren Samtvorhängen, Make-Up und Schweiß in der Luft und charakterisierte unverkennbar das Theater in seiner spielfreien Zeit. Die Schauspieler, Tänzer und Sänger schwirrten umher wie fleißige Bienchen, bemalten die Kulissen und trieben Schabernack mit den teuren Farben, um lauthals über ihre Ferkeleien zu lachen. Die Lichter waren gedämmt und hüllten die Bühne in ein fantasievolles Zwielicht, aus dem Fabelwesen und Märchengestalten entsprangen. Für einen Frei- und Schöngeist wie es Anna einer war, war es schier unmöglich diesen Ort nicht zu lieben. Sie verbrachte Tage und Nächte auf der Bühne und hinter der Kulisse. Das Ensemble war ihr ihre Familie, die ihr den Rücken freihielt, ihr an schweren Tagen Trost spendete und sie in unerreichbare, ferne Welten empor hob. Es war eine schöne Welt, in die sich die gebürtige Sankt Petersburgerin flüchtete und der sie ihren Erfolg am russischen Staatstheater verdankte. Die Dunkelhaarige mit dem sommersprossigen Gesicht war beliebt, keine Frage. Sowohl auf der Bühne, als auch außerhalb. Ein pflegeleichter Gast, der offenherzig, unbekümmert und frei von Scheu die Moskauer Gesellschaft unterhalten konnte. Der Prunk der Herrenhäuser und Bälle befriedigte den Schöngeist der jungen Schauspielerin, die Anwesenheit gewisser Herrschaften ihren Freigeist. In einem fremden Bett aufzuwachen, mit dem Blick auf einen starken, männlichen Rücken versetzte die Dunkelhaarige weitaus mehr in Verzückung, als das Bemalen von Tischchen oder das Stärken der Kragen des Angetrauten.  Auf der Bühne widmete sich das falsche Liebespaar seinem Lieblingsspiel. Kaum das die ersten Takte der Auftrittsmusik ertönten, fühlte sich die Arkadjewna erleichtert, fortgespült und jeder Verantwortung enthoben. Er hob sie hoch in die Lüfte, mit Leichtigkeit und scheinbar hoch bis zur Decke. Dann küsste er sie auf die Wangen, auf ihr Kinn, die Ohren und den Mund während sie sich gerade so viel stäubte, dass er gezwungen war seine Manneskraft zu zeigen. Schließlich geht der Kampf zu seinem Gunsten zu Ende. Er schaukelte die Liebende auf seinen Arm. Den Kopf nach hinten, die nackten Füße in der Luft, bis sie um Hilfe schreit. Der Hund der Näherin stürzte herbei, um die Frau in Nöten zu verteidigen und das vergnüglich, raue Spiel ging in viel Gebell, Geschrei und Gelächter unter. Sich Albernheiten hinzugeben gehörte bei diesem Ensemble zur Tagesordnung. Michail, der Regisseur lachte und klatschte in die Hände. Ein angenehmer, fröhlicher Kamerad, der ebenso wenig Wert darauf legte geistreich zu erscheinen, wie dass seine Krawatte richtig saß. Doch einen Moment verlor sich der Künstler in seiner Welt, als ihm sein kleiner Assistent etwas ins Ohr flüsterte. Mit schief sitzender Brille huschten beide Männer in die Schatten des Saals und waren verschwunden. Anna, die Schauspielerin, trat in ihre Garderobe. Ein Blick in den Spiegel ließ ihre eitle Seite zum Vorschein kommen. Das sonst vor Jugendlichkeit und Vitalität strotzende Gesicht war mit einer Schicht malvenfarbener Schminke bedeckt. Die Augen waren von einem blauen, glänzenden Schatten umgeben. “Wie kalt es hier ist!“ Die Hände aneinander reibend wusch sich der Freigeist sein Gesicht im kalten Wasser ab, bis es von der Schminke eine milchig weiße Farbe annahm. Ein erneuter Blick in den Spiegel stellte sie zufrieden. Auf ihren hohen Wangen lag nun eine raue Röte und von der rissigen Schminke war kaum noch etwas zu sehen. Sich das Gesicht abtrocknend setzte sich Anna auf einen Holzstuhl und atmete tief durch die feine Nase ein. Zu ihrer Seite stand ein Nelkensträußchen, die jedoch bereits ihre Köpfchen hängen ließen. Sie waren mittlerweile bleich, auch wenn die Blumenverkäuferin sie ein eine karmesinrote Flüssigkeit tauchte, um ihnen etwas Farbe zu verleihen. Neben den Blumen lag ein Briefchen. Fein säuberlich gefaltet und mit einer ordentlichen Handschrift adressiert. Ein Loblied auf ihr Talent. “Liebste, Du brauchst das Varieté nicht mehr! Jetzt bin ich da“! Anna legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sie kannte den jungen Mann, der sie aus den Fängen des Theaters befreien wollte, saß er regelmäßig mit einem Sträußchen Nelken in der ersten Reihe . Das lange dunkle Haar fiel sachte über die Stuhllehne und wippte mit jedem Atemzug, den die Arkadjewna tat. Ein Klopfen an ihrer Garderobentür rief die junge Frau zurück ins Leben und noch ehe sie reagieren konnte, wurde schon die Tür geöffnet. Ein junges Ding öffnete mit hochrotem Kopf die Tür. Vorsichtig, und nur einen Spalt breit. “Monsieur Charkow ist hier. Er und Michail erwarten die Mademoiselle „Das Mädchen sprach mit einem angestrengten französischen Akzent, und huschte gleich wieder zur Tür hinaus. Anna biss sich auf ihre Unterlippe. Jetzt nannte ihr Stubenmädchen den Gast und Finanzier zärtlich „Monsieur“. Ein Seufzer drang aus der Kehle der jungen Schauspielerin, die ihr Spiegelbild kritisch musterte und ihre Toilette prüfte. Sich die Nase pudernd, die gewöhnlichen Kleider glatt streichend und das lockige Haar zurecht legend huschte die Arkadjewna mit klopfenden Herzen durch die Garderobe zurück auf die Bühne.  Große Schritte brachten die Schauspielerin zurück auf die hell erleuchtete Bühne, auf der weiterhin reges Treiben herrschte. Im ersten Augenblick blendete sie das Licht zu sehr, um in den Saal sehen oder um jemand erkennen zu können, doch es brauchte nicht lange, da machte Michail mit mehr oder minder dezenten Gesten auf sich aufmerksam. Dann erkannte Anna endlich auch den Herren an seiner Seite und es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Dass ihr Stubenmädchen mit Monsieur Charkow niemand anderes als Alexej JEGOREWITSCH Charkow im Sinn hatte kam der Schöngeist nicht in den Sinn. Das naive Mädchen hatte die Schauspielerin mit ihrer Verwechslung völlig durcheinander gebracht. Anna kannte den Mann zwar, jedoch nur sehr flüchtig, jedoch erinnerte sie sich in diesem ersten Augenblick nur noch daran, wie sie bei dem Ein oder anderem Zusammentreffen in Ekstase geraten war. Mit großen Schritten trat sie an die zwei Herren heran. Michail hatte bereits ein breites Grinsen auf den Lippen während der Stolz in seinen großen Augen funkelte. Eine ausladende Geste - die selbst ein Blinder noch bemerken würde – machte auf die Ankunft seiner Muse und erfolgreichsten Schauspielerin aufmerksam. “Darf ich vorstellen: Anna Arkadjewna Ljewin!“Seine Hand an ihren Rücken lehnend schob Michail Anna mit sanften Druck in Richtung des Politikers. Die Dunkelhaarige ließ sich führen und nickte dem Politiker mit leicht hochgezogenen Augenbrauen zu. Der Blick ihrer blitzenden grauen Augen, die unter den dichten Wimpern dunkel schienen, ruhte warm und aufmerksam auf ihm, als sähe sie in ihm einen Bekannten. In ihren Zügen lag ein mühsam verhaltenes und lebhaftes Temperament das sich in dem Zucken ihrer gebogenen Lippen widerspiegelte. Michail stelle Alexej sogleich Anna vor, womit die Floskeln des scheinbar ersten Zusammentreffens abgehackt werden konnten. “Bezaubernd, nicht wahr?“nuschelte der Direktor in seinen kleinen Bart, als wolle er die Arkadjewna verkaufen, wie ein rassiges Pferd. Die Arkadjewna warf dem Direktor einen amüsierten Blick zu während sie nochmals und in aller gebotenen Förmlichkeit den Politiker ihr gegenüber mit einem freudig erregten Lächeln grüßte. Dieser Besuch war äußerst unerwartet und Anna hätte sich eine Vorwarnung gewünscht.“Was verschafft uns diese Ehre?“fragte sie stattdessen mädchenhaft beschwingt mit einer frischen Lebendigkeit und Neugierde im Gesicht.
27.7.15 20:40