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Die unbestreitbare Tatsache, dass soeben der sehr vorteilhafte Nebeneffekt seines Tuns in Kraft trat, überflügelte in diesem Moment die reine Willkür jener Idee, sich der Herzen der Moskauer zu nähern, indem er ihnen Brot und Spiele gab. Politik selbst war beinahe ein Theaterspiel. Da gab es die Hauptbesetzung, die Nebendarsteller, Leute, die hinter der Bühne arbeiteten und von dort aus die Fäden zogen sowie der Ersatz auf der zweiten Bank – ein Vergleich, der ihm schon sehr früh in seiner Karriere gekommen war und es gab kaum einen Ort nebst seines Schreibtisches und des Politikzimmers des Zaren an welchem er lieber wäre, als in einem Theater. Die verschiedensten Musen lagen seither der Familie Charkow anheim, oder besser gesagt der Familie seiner Mutter, die Kolesnichenkows, denn wohingegen sein Vater das sportliche Vergnügen der Jagd stets einem anderen Vergnügen vorzog, sofern es nicht gerade seine Ehefrau betraf, so war es immer Sofina und deren Mutter, seine Großmutter also, gewesen, die den Kindern den Sinn des Schönen nahegelegt hatten. Gerade an ihren Söhnen war ihr gelegen, dass sie Schönheit nicht nur im Betrachten einer gefälligen Frau erkannten, sondern diese auch in der Natur, der Kunst, der Musik und der Dichtung suchten und fanden. Schließlich lag die Grausamkeit dieser Welt in den Händen der Sachlichkeit – Tod, Krieg und schlimme Ereignisse mochten so viel besser erscheinen, wenn man sie nur anders sehen könnte. Anastasia schien diesen Gedankengang verstanden zu haben, Dimitri tat immerhin so als ob (obgleich er die Lektion, das andere Geschlecht sei nicht nur seines Antlitzes wegen begehrenswert, stets in dessen Dekolleté oder unter dessen Röcken zu suchen schien) und Alexej gab sich wahrhaftig Mühe, seine Prinzipien und Taten in eine angenehme Richtung schwenken zu lassen, sofern sie ihm nützlich waren. Für ihn war das Leben nun einmal keine poetische Welt und er vermochte es dagegenhaltend recht vortrefflich, die genannte Sachlichkeit für sich zu gewinnen und arbeiten zu lassen, weil es genau diese Karte war, welche auszuspielen er gelernt hatte. Deswegen wäre seine Mutter auch niemals in der Politik glücklich gewesen. Auch sein Vater nicht, der zwar hervorragend prahlen und organisieren konnte, ansonsten aber recht wenig zu verbergen hatte – einfach aus dem Grund, weil er es nicht konnte. Er schaffte es ja nicht einmal, das Naschen einer Sahnetorte einem anderen in die Schuhe zu schieben. Alexejs Laune, die, vergraben unter sehr viel Tüll, Pomade und Puder, mit jeder halben Stunde kontinuierlich schlechter geworden war, besserte sich. Der Regisseur sprach in der Zeit des Verweilens ein paar flüchtige Worte des Smalltalks, auf welche der Politiker nicht näher einging, denn gleichwohl er zuhörte, blieb er bar jedweder Antwort. Das Wetter war recht angenehm, sicher, und der neue Samtvorhang machte sich ganz prächtig auf der Hauptbühne. Sein Interesse aber galt einer vollkommen anderen Wichtigkeit: die Dame, die zu holen man veranlasst hatte. Noch immer verspürte er den sanften Nachdruck ihrer rosigen Lippen auf den seinen, roch das Parfum, welches sie an diesem einen Abend getragen hatte … und sein Mund, der auf ihrer weichen Haut gelesen hatte, erfahren, neugierig. Eine spontane Verheißung, eine glühende Kurzweil sehnsüchtiger Augenblicke. Kurzum, das Dinner bei den Druchenkows hatte sich mit einem gänzlich unerwarteten Ausgang gerühmt, mit dem keiner hatte rechnen können. Und nun, da er sehr vertraut war mit der Garderobe der Druchenkows und er um sämtliche Mäntel und neuesten modischen Errungenschaften Galina Sergejewnas wusste, schließlich hatte er darauf gelegen, musste er sich fragen, wie es ihr seither ergangen war. Sie, die Arkadjewna, ein strahlender Stern am Firmament des russischen Himmels – der schwarze Schwan nebst des kaiserlichen, doppelköpfigen Adlers. Er war nicht verliebt. Alexej war seit jener Lappalie in seiner Jugend von jedweder Gefühlsduseligkeit frei und wies die Meinung, Amor könne jedes Herz erweichen, weit von sich. Amor war ein Freund von jungen Ungestümen und naiven Alten. Die Frauen in seinem Leben kamen und gingen, manche verweilten sogar für einige Augenblicke, schafften es aber nicht ihn an sich zu binden und gleiches galt für ihn, was jedoch darin zu begründen war, dass er es seither nicht mehr versucht hatte. Der lästige Umstand, der ihn überhaupt nach Moskau geführt und ihm teilweise deshalb die Stadt so unerfreulich gemacht hatte, nahm jedoch zum Anlass, dass er etwas daran änderte. Sie hatten sich seither nicht gesehen, geschweige denn miteinander geschrieben. Er hatte, um ehrlich zu sein, nicht die leiseste Anstrengung unternommen, sich um ihre Privatadresse zu bemühen, ihr eventuell seine Karte aushändigen zu lassen, sie um ein weiteres Treffen zu bitten. Da dies allerdings auch auf ihr selbiges Handeln zutraf, fühlte er sich dazu genötigt, eine gewisse Faszination zu verspüren. Sie war eine Diva und darüber musste er lächeln. Als sie sich näherte und er neben sich hörte, wie Michail verhalten die Luft scharf einzog, gerade so, als dürfe er nun eines dieser berühmten Kunstwerke aus der Nähe betrachten, erhob sich auch Alexej vom bequemen Theatersitz und wandte sich langsam in jene Richtung, in welche der andere gespannt blickte. Die großen Schritte, die sie tat, sprachen von ihrem außerordentlichen Selbstbewusstsein und selbst wenn sie nicht mit ihrem Gesicht gesegnet gewesen wäre, so hätte allein dieser Effekt schon ausgereicht, um sämtliche Blicke auf sich zu ziehen – wo sie auftauchte, loderte das Feuer. Die Geschichten, die man sich über sie erzählte, kannte er, zog es aber vor sie nicht weiter zur Kenntnis zu nehmen, sondern sich ein eigenes Bild zu machen, immerhin war er nun in bester Lage dazu. Denn wenn sie die Hauptrolle haben wollte, so musste dies erst durch ihn genehmigt werden; und er hatte nicht vor, dieser Gelegenheit allzu schnell Raum zu geben, oh, nicht doch. „Madame“, entgegnete er höflich, der tiefe Timbre seiner angenehmen Stimme verließ den satten Kehlenklang seiner und indes er die linke Hand auf seinen Rücken legte, neigte er den Kopf zu einer angemessenen Begrüßung, die nicht darin gipfelte, dass er ihr den Handkuss abnahm – sie bot ihm diese weder dar, noch war sie von solcherlei Stand. Es war dieselbe Begrüßung, die er ihr bereits beim Dinner angetragen hatte, doch es schien gerade eher unpassend zu sein, zu erwähnen, dass sie sich durchaus schon kannten und sie schien denselben Gedankengang zu hegen, weshalb er lediglich mitzuspielen brauchte, während der Regisseur seine Grande Dame anpries. Der Gedanke, dass diese Art der Behandlung auch Anastasia gelten mochte oder konnte, ärgerte ihn, aber das sollte nun nicht zum Thema stehen und er verwarf den unliebsamen Groll. Der Arkadjewna stattdessen direkt in die Augen sehend, war es wiederum ihr eigenes Antlitz, welches zu sehen sie in der Lage sein würde, denn sein Focus war dunkel, warm oder dräuend, je nachdem in welcher Situation man sich gerade befand – man mochte in diesem sehen, was man sehen wollte, niemals aber das, was es tatsächlich auf sich hatte; Alexej Charkow hütete sein Leben und sein Innerstes wie ein Buch mit sieben Siegeln, nichts drang nach außen, seine Fassade war glatt, spiegelnd, imposant, dunkel; starb er, starben sämtliche Geheimnisse mit ihm. Auf ihre Frage hin bekam sie gleich zwei Antworten: „Die Arbeit“, war zum einen die knappe, lapidare des Dunkelhaarigen gewesen und zum anderen mischte sich Michail mit ein, der Anlass dazu sah nähere Ausführungen zu erläutern, vermutlich dem treuen Pflichtbewusstsein erlegen seiend, den kostbaren Sponsor stets über den grünen Klee zu loben: „ … er finanziert das nächste Stück, Liebes, Alexej Jegorewitsch hat sich dazu bereit erklärt eine beträchtliche Summe für das Theater aufzubringen“, der Satz endete mit einem Lächeln, wohingegen der Betroffene nichts dergleichen aufwies. Nicht, dass er stets ein gewisses Desinteresse vorschob, er war nur einfach nicht der Typ Mensch, der mit übermäßiger Mimik hausieren ging – sein Gebaren war zielgerichtet, präzise und effektiv, Tand und Schnickschnack standen ihm nur kaum zu Gesicht. „Und Sie, haben Sie sich bereits mit dem Stück beschäftigt?“, fragte er direkt an die Schauspielerin gewandt, ganz der Financier seiend, der vor den Augen der anderen nicht mehr und nicht minder tat, als die Leistung derjenigen zu begutachten, die von seinem Geld profitieren sollten.
27.7.15 21:58