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Die Mühe, den Zufall für sich spielen zu lassen, um ihr 'rein zufällig' über den Weg zu laufen, hatte nun stattdessen er sich gemacht und das Ergebnis war ein hervorragendes gewesen. Dass auch sie ihn nicht hatte wiedersehen wollen, so, wie er es von anderen Frauen kannte und gewöhnt war, hatte ihn anfänglich irritiert, wenngleich nicht sofort gestört. An sich waren ihm diese Geschöpfe des Alltags recht unliebsam, denn sie interpretierten in jedweden Dingen des Lebens eine ganz eigensinnige Ansicht hinein, wie zum Beispiel er könne sie heiraten wollen, gleich hier und jetzt auf der Stelle, am liebsten schon gestern als heute, nur, weil er mit ihnen etwas Zeit oder gar eine oder mehrere Nächte verbracht hatte. Dass dies allerdings kaum ein Kriterium war, um eine Charkowa zu werden, kam ihnen nur leidlich in den Sinn – sie taten das, was ein Mann sich nur wünschen konnte und genau daran lag es. Sie benahmen sich wie die leichten Mädchen am Hafen, die Meerjungfrauen, wie Dimitri sie scherzhaft zu nennen begonnen hatte (solche, die gleich einen ganzen Abend berechneten und auch noch Syphilis obendrauf gaben), aber sie besaßen zumeist weder über Geist noch gesellschaftlichen Status. Dass es Alexej nach beidem verlangte war klar, er brauchte kein tumbes Püppchen an seiner Seite, gleichwohl auch keine Hexe oder eine, die stets lauthals nach ihren Rechten krakelte, und das machte die Sache so ungemein schwierig. Er hatte nach Irina nicht mehr mit dem Gedanken gespielt, zu heiraten. Nach was sollte er suchen? Unschuld? Intelligenz? Geld? Status? Es war einfacher, sich ein Pferd auszusuchen als eine Frau –man konnte so viele Fehler begehen, dass es beinahe erschreckend war. Der Gedanke, einfach alleine zu bleiben, war reizvoll, denn sein Bett musste durchaus nicht leer sein, aber offenbar leider nicht ausführbar. Politiker brauchten, wozu auch immer, eine ordentliche Frau an ihrer Seite, eine Zarin, die ihr Herz eroberte; wenn nicht das, dann doch zumindest ihren Geldbeutel, wie so mancher scherzhaft in diesem Zuge erwähnt hatte. Sie sahen sich an, eine gefühlte Ewigkeit wohl, in Wahrheit aber nur wenige Sekunden lang – nicht zu auffallend, um Michail die Stirn runzeln zu lassen, der aufmerksame Regisseur verblieb ohne Ahnung und meinte darin lediglich das allgemeine Interesse an ihrer Person zu erkennen, so, wie es die meisten Menschen, ihn inklusive, taten. Lange genug, um das blitzende Grau ihrer Augen zu mustern und festzustellen, dass ihm ihre Farbe im schönsten Moment der Zweisamkeit sehr dunkel vorgekommen war, die Intensität träge ob des Wohlgefallens, verschleiert und faszinierend in genießerischer Trance. Nun aber wurde er erneut Zeuge ihres regen Mienenspiels, welches das Gebaren und das emotionale Empfinden mit einschloss; binnen kürzester Zeit veränderte sich ihr Ausdruck, als Michail ihr seine Position als Financier dargelegt hatte. Er musste beinahe grinsen. Offenbar missfiel der Dame dieser Gedanke und wohingegen sie keinen Hehl aus ihrer zudringlichen Herausforderung machte, verbarg er sein Amüsement darüber vollkommen. Sie würde nichts daran ändern können, sondern könnte höchstens aus dem Stück austreten und einer anderen Schauspielerin ihren begehrten Platz überlassen. Würde sie aber darüber hinwegsehen können, dass er ihr Leben einfangen konnte wie das eines Schmetterlings, so würden ihr dadurch womöglich sämtliche Türen offenstehen und sie könnte für weitere Tage, Wochen, Monate der schöne Stern am Himmel des Zarenreiches sein. Wildes Gebell ließ ihn aufmerken und den Blick von seinem Gegenüber nehmen, geradewegs an der zarten Schulter vorbei und herüber zur Bühne, dort, wo sich das tierische Ereignis abspielte und er sich fragen musste, weshalb es einen Hund im Theater gab und dieser nun eben solches veranstaltete. Gab es hier etwa und womöglich ebenso eine Katze? Der Ausruf eines weiblichen Namens ließ zumindest im ersten Moment darauf schließen, verbarg sich dahinter aber lediglich das Kürzel eines Mädchens und Alexej hob das markante Kinn leicht an, als sich der Regisseur entschuldigte, um der Sache eilend nachzugehen. Kitty, Michail und besagter Hund waren alsbald aus dem Blickfeld entschwunden und die Szene war beendet. Die nächste Szene wurde sogleich von der Arkadjewna eingeleitet und gründete darin, von ihr vollkommen eingenommen zu werden, jetzt, da sie alleine mit ihm war. Ihre dunklen Haare ergossen sich wie flüssiges Öl über ihre Statur und er erinnerte sich daran, wie sie gerochen hatten und wie weich sie gewesen waren, als er ihr neckend die Frisur gelöst hatte, um seine Finger darin durchgleiten zu lassen. Es war ihm egal gewesen, ob sie darüber erzürnt gewesen wäre und wie sie diesen Fauxpas der Gastgeberin später hatte erklären müssen, aber ihre schönen Haare waren mitunter das Erste gewesen, was ihm an ihr aufgefallen war. Das Stück, um welches sich hierbei handelte und worüber die Rede war, war 'Ruslan und Ljudmila', eine Oper in fünf Akten von Glinka. Die Uraufführung war 1842 in Sankt Petersburg gewesen und Alexej kannte dieses Stück seiner Mutter wegen, zum ersten Mal hatte er es mit sechs Jahren gesehen und war währenddessen eingeschlafen. Das zweite Mal war er 17 gewesen und neben ihn hatten Nastja und Dima gesessen. Nun sollte die Oper aufgrund Glinkas Geburtstag im Frühling noch einmal in die Theater kommen, um dem knospenden Frühling zu huldigen und den kommenden Sommer zu feiern. Dass sie bereits davon so überzeugt war, dass sie die Rolle der Ljudmila verkörpern würde, überraschte ihn nicht, dennoch zog er in ernsthafter Manier eine Braue hoch: „So?“, entgegnete er interessiert, gerade so, als hörte er davon zum ersten Mal. Er wandte für einen kurzen Moment den dunklen Blick von ihr und strich sich mit der Linken überlegend über das Kinn, dessen Beschaffenheit und jene der Wangen von einem gepflegten Dreitagebart gezeichnet war, ließ sich aber im ersten Impuls zu keiner Bejahung oder Entscheidung hinreißen. Stattdessen legte er ob ihrer weiteren Worte die Aufmerksamkeit neuerlich auf ihr Antlitz und musste nun wahrhaftig und tatsächlich lächeln; eine Mimik, die sich wie eine Klinge an seinen Mundwinkeln entlang wetzte. Er kam ihr näher. Einen Schritt nur, aber es reichte, um ihr höflich den Arm anzubieten und ihr bei dieser Bewegung ganz unverfänglich in die Nähe ihres Ohres zu kommen: „Hätte es etwas daran geändert?“, fragte er so lapidar, als spräche er über das heutige Wetter.
27.7.15 22:01