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Glück und Zufall allein hatten ihm diese Karten zugespielt, mit denen er das momentane Spiel bestritt. Die Druchenkows hatten ausgeteilt und an diesem Abend waren Parteien dazugestoßen, deren Bekanntschaft er weder ersonnen, noch erhofft hatte; er war schlicht und ergreifend nicht darüber im Bilde gewesen, dass die großartige Schauspielerin in der Stadt verweilte und diese gar nebst ihm eine Einladung erhalten hatte. Kein Fädenziehen, kein Rankenspiel. Pure und pragmatische Fügung. Das jedoch, was er daraus zu schmieden imstande gewesen war, stand auf einem ganz anderen Blatt. Man hatte ihm diese Partie zugewiesen und er hatte lediglich die Hand danach ausgestreckt und alles, was danach passierte, war glückselige Kalkulation mit unschuldiger Einmischung seitens seiner zarten Schwester. Oh, Anastasia, du geschickter Mercurius! Vollkommen ohne Hintergedanken aber, das wusste er, dafür verstand und scherte sie sich zu wenig von und für die Intriganz dieser Welt, ihr war ausschließlich daran gelegen gewesen dem Regisseur ein gutes Stück zu verschaffen (und darin möglicherweise eine Rolle zu erhalten, je nachdem was ihr Talent zuließ, denn sie würde nicht tricksen) und ein wenig mehr Zeit mit ihrem ältesten Bruder zu verbringen. Die Idee, man könne ihr tatsächlich egoistischen Eigennutz vorwerfen, da sie nun einmal die Schwester des Financiers war, war ihr zu keinem Zeitpunkt des Gedankens gekommen. Sie würde sich freuen, bekäme sie eine durchaus passable Figur in dieser Oper, legte es aber nicht darauf an, schon gar nicht wollte sie sie nur deshalb erhalten, weil Alexej dafür gesorgt hatte; und auch dessen war er sich bewusst. Ein Grund mehr, sich hauptsächlich aus der gesamten Sache herauszuhalten und den wahren Könnern die Bühne zu überlassen. Die Premiere musste gut genug werden, um seinem Ruf gerecht zu werden und diesen im besten Falle zu erhöhen. Eine Einmischung seinerseits erachtete er hierbei als eher hinderlich, er, der Politiker war und keinesfalls eine Koryphäe der Musen. Er liebte sie, tatsächlich, aber sie blieben nie mehr als eine Kurzweil in der ermüdenden Langeweile, ähnlich wie ihre lebendigen Schwestern heutzutage. Frauen hielten ihn nicht, genauso wenig wie ein und dieselbe Arie. Eine Tatsache war aber auch, dass er genannte Karten nicht zeigte. Dem Direktor nicht – wenngleich er aufgrund dessen penetranter Fürsorge, ihm jedweden Winkel des Theaters anschaulich darlegen zu wollen, in eine Richtung nachgegeben hatte, in welcher er verkündet hatte, er wolle sich nur wenig um diese Belange kümmern -, und auch Anna nicht. Sollte sie ruhig der gar nicht so abwegigen Auffassung bleiben, er könne und wolle dahingehend Einfluss nehmen, wer auf der Bühne stehen durfte und wer hinter dem Vorhang nur Zuschauer war. Das war zwar nie seine Intention gewesen, ihre Reaktion allein jedoch amüsierte ihn. Er musste ihr vorkommen wie ein Eindringling in ihrem heiligen Revier, ein Wolf, der sich über seine Grenzen hinwegsetzte, um die eines anderen zu betreten. Ihre Grenzen, seine Regeln. Sollte sie die Ljudmila haben. Und wer auch immer den Ruslan verkörpern und ihr im Rampenlicht die ewige Liebe schwören und ihr lange Nächte schenken mochte, er wusste es besser. Er allein wusste um die delikate Zweisamkeit, mit welcher sie auf den Pelzmänteln der Druchenkows gelegen hatten. Ihre duftende Haut, ihre Haare, ihre Lippen. Sollte Michail selbst Ruslan sein! Alexej hingegen säße bei der Premiere in seiner Loge und verbürge sein verhaltenes Lachen hinter seiner Hand. Ruslan und Ljudmila, Alexej und Anna, eine Oper in fünf Akten. Wo sie sich wohl gerade befanden? Indes er sich also ihrem Ohr näherte, um ihr eine leise Frage zukommen zu lassen, glitt sein Blick zu den feinen, dunklen Härchen in ihrem Nacken und er atmete ungesehen den Duft jener Stelle ein, die sich direkt unter ihrem Ohr befand. Parfum? Ihr eigener Geruch? Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, ehe er sich wieder zu seiner vollen Größe aufrichtete und den Blick bei ihrer Antwort durch das Theater schweifen ließ. Natürlich hätte es etwas geändert, verkündete sie mit heller Stimme, und er glaubte ihr nicht. Dunkel und ruhig wanderte sein Augenmerk über die gepolsterten Sitzreihen, herüber zu den Balkonen und dann zur Tür – das Gefühl ihrer Hand auf seinem Arm glich einem Windhauch. “Das tut mir nicht leid“, erwiderte er ob ihrer prekären Lage und ihrer Unwissenheit hin, seine Stimme perlte tief und volltönig über jenen Schwung des Mundes, mit welchem er Gedichte auf ihre Lippen geschrieben hatte und welcher sich nun zu einem Lächeln verzog, der den Wolf in ihm zum Vorschein brachte; er neckte sie, ohne jungenhaft zu sein. “Eventuell stimmt es Sie ein wenig milder, wenn Sie erfahren, dass die momentane Lage einer anderen Quelle entspringt“, und während er endete, nahm er ihr Angebot selbst in die Hand, indem er die Richtung vorgab, in welcher sie ihn herumführen konnte: “Der Himmel ist voller Sterne“, sagte er so, als spräche er just seine Gedanken aus und machte einen großen Schritt über die Schwelle der geflügelten Tür hinweg, die in das Foyer führte, das beinahe einem Thronsaal glich: breite, vergoldete Treppen, ein Lüster voller Kristalle gleich des Zwinkern myriadenfacher Feen und ein geschnitztes Mobiliar, das direkt vom Zaren und aus Odessa kam. “Es tut mir tatsächlich nicht leid“, wiederholte er, nun eine andere Betonung an den Tag legend. Ihm tat der Abend nicht leid und er bereute nichts. “Wir werden sehen, wohin uns Ihre prekäre Lage führen wird“, mit seiner freien Hand strich er sich über das markante Kinn, jedes Wort ein höfliches Spotten seiend, und wandte nun wieder seinen dunklen Blick auf die Arkadjewna, darauf wartend, dass sie sich verteidigte. Der Direktor hatte ihm bereits das Theater zu genüge gezeigt, es aber noch einmal mit ihrer Gesellschaft zu durchwandern zählte er als lohnenswerte Investition, die hoffentlich keine stinkende Pomade und weitere grazile Mädchen mit durchsichtigem Tüll beinhaltete. “Als Entschuldigung begebe ich mich in Ihre Hände, Anna Arkadjewna, wohin möchten Sie mich führen?“, fürwahr hatte er seinen Schritten Einhalt geboten und seine Haltung dahingehend gestaltet, dass sie ihn mit Leichtigkeit mitziehen konnte. Das Licht über ihnen spiegelte sich in seinen braunen Augen wider, flirrende Garben in diesem tiefen Dunkel und er hob das Kinn vage an, abwartend, beinahe fordernd. Im Saal hinter ihnen ertönte weiteres Gebell, ein lachendes Kreischen und die aufgeregte Stimme Michails, das Tohuwabohu nahm seinen weiteren Lauf, während durch die Botengänge fleißige Gestalten huschten, von denen manches Augen- und Ohrenpaar allzu neugierig war, indem der Besitzer möglichst beschäftigt aussehend stehenblieb. Ein leises Kichern erklang hinter den beiden und der Vorhang zur offenen Terrasse raschelte, als Savina den Stoff fallen ließ und ihre Augen neuerlich auf ihre Textpassage heftete, die zuerst auf Anna und dem Mann, den sie nicht kannte, gelegen hatten.
27.7.15 22:02