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Einen glücklichen Zufall mochte manch einer das Zusammentreffen des Politikers und des Freigeistes nennen. Der romantische Geist würde es als schicksalhafte Fügung bezeichnen, als die schlanken Körper Feuer fingen und sich der extravaganten, verschwenderischen Lust hingaben und sich die Körper wie bei einem Tanz räkelten. Es war ein Augenschmaus zu sehen, wie sich die glatte Haut des Mannes über seinen Muskeln anspannte und sie mit seinen starken Armen fest im Griff hatte. Es war tatsächlich ein glücklicher Zufall gewesen, der dem reinen Lustgewinn gedient hatte und der jeden Romantiker in die Verzweiflung getrieben hätte. Eine Welle der Erregung überkam die Schauspielerin bei den Erinnerungen an die pure Hingabe und bei der ganz beiläufigen Annäherung des Hochgewachsenen, der sich dezent vorbeugte, nur um dem Schöngeist das ein oder andere neckische Wort ins Ohr zu flüstern. Die Schauspielerin hob das zierliche Kinn bei seinen Worten, schnuppernd den süßen, fein herben Duft des Mannes aufnehmend, der eine noch unklare Rolle in dem Stück ihres Lebens spielte. Aber sollte der Mann, der den erfolgsträchtigen Namen Charkow trug, überhaupt irgendeine Bedeutung für ihr Leben haben? Die Arkadjewna war eine selbstständige Frau, die gerne zwischen den Stühlen stand und sich um ihre eigenen Belangen kümmerte. Sie zerfraßen weder Unsicherheit noch Eifersucht, wenn einer ihrer Liebhaber nicht mehr Interesse für sie aufbrachte, als notwendig. Ihr Innerstes starb nicht bei dem Gedanken daran, dass sie jemanden nicht für immer halten konnte und Anna wusste, dass ihr dieses Verhalten viel Schmerz ersparte. Viele Mädchen sehnten sich nach Liebe. Wahrer Liebe. Lächerlicher, unbequemer, alles verzehrender und nicht-leben-können-ohne-den-anderen Liebe. Die Mädchen am Theater hofften vor allem diese Liebe in den Emporen des Theaters zu finden, denn die Liebe, die sie suchten trug vorzugsweise zusätzlich einen angesehenen Namen und damit verbunden eine beachtliches Vermögen.

Die Arkadjewna kannte sie. Die Reichen und die Mittellosen, doch nachts waren alle Katzen grau und es machte keinen Unterschied mehr, ob es der Jüngling einer wohlhabenden Familie war, der den Zauber des Theaters mitnehmen wollte, oder der Zeremonienmeister. Weiche Betten und warme Felle hatten ihren Reiz, doch die Garderobe des Theaters ebenfalls. Doch ihre Spielchen trieb die Schauspielerin nie am eigenen Theater. Privates trennte sie stets von ihrem Beruf, zu groß war das rufschädigende Risiko und die dramatischen Szenen hatten ihren Platz auf der Bühne und nicht hinter den Kulissen. Es wäre eine Schmach für die Russin, wenn von allen Seiten der Vorwurf laut werden würde, ihr Erfolg rühre lediglich von ihrem schamlosen Talent als Liebhaberin und nicht von ihrem Talent als Darstellerin. Doch mit dem Auftauchen des jungen und gutaussehenden, nicht zu vergessen aufstrebenden, Politikers sah sie sich in eben dieser Situation wieder, war sie vor nicht allzu langer Zeit in den Genuss seiner selbst gekommen. Beinahe schon schamlos fragte Alexej, ob ihr Wissen über seine neue Tätigkeit als Financier des Theaters etwas an ihrer Liebelei geändert hätte, was die Arkadjewna selbstverständlich bejahte. Selbstverständlich? Leise, kaum merklich räusperte sie sich bei ihren Worten, wusste sie doch selbst, wie berauscht sie von dem Mann gewesen war. Sowohl davor, als auch währenddessen und auch danach. Hätte sie auf diesen Höhenflug verzichtet? Auch wenn sie Gefahr lief, sich selbst zu belügen, so blieb sie bei ihrer Aussage. “Das tut mir nicht leid“ erwiderte der Dunkelhaarigen nun jedoch mit einem neckischen Zug auf den Lippen, was Anna ein amüsiertes Schnauben und das Schürzen ihrer voll geschwungenen Lippen entlockte, die von einer rauen Röte gezeichnet waren. Sie tätschelte seinen Arm, die unausgesprochene Herausforderung annehmend, ehe sich das – vielleicht gar nicht so unähnliche – Gespann in Bewegung setzte. Anna warf einen letzten Blick zurück, um dem verzweifelten Michail einen vielsagenden Blick mit ihren klaren, grauen Augen zuzuwerfen. Er schien nicht begeistert über das Bild, das sich ihm bot. Er hasste es, Anna – seine Anna – zu teilen, selbst mit dem Financier, der es ihm überhaupt erst ermöglichen sollte, seine und auch Annas Arbeit fortzusetzen. Selbst, wenn es allen Anschein machte, dass Anna den jungen Charkow lediglich durch das Theater zu führen gedachte um ihm einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. Das Biest tobte in dem Direktor des Theaters  und diese stille Begierde verschaffte der Diva in der Schauspielerin eine gewisse Genugtuung.

“Eventuell stimmt es Sie ein wenig milder, wenn Sie erfahren, dass die momentane Lage einer anderen Quelle entspringt“ Ein wissendes Nicken folgte, wobei sich die Russin vorsichtig ihre Lippen benetzte, als würde sie zum Sprechen ansetzen wollen. Eine alte Angewohnheit, die sie nicht los werden konnte und die von langen Textpassagen auf der Bühne herrührte. “Ich nehme an, Ihre werte Schwester?“ fragte Anna mit neugierigem, von freundschaftlichen Gedanken geprägtem Interesse, sich in einer gutmütigen und heiteren Weise zur Wehr setzend und sich von dem Financier durch das Theater führen lassend; vorbei am Gestern und vorbei am Morgen. Sie kannte das imposante Spielhaus wie ihre eigene Westentasche und jeder Schritt war ihr bekannt. Eine Woge der Sicherheit überkam die Dunkelhaarige innerhalb dieser Gemäuer. Nichts und niemand konnte ihr hier etwas anhaben, denn das war ihr Theater; ihr Revier. Der Mann an ihrer Seite führte sie mit einer sanften, aber bestimmten Gewalt durch das Theater, dessen fein herben Duft die Schauspielerin tief in sich einsog. “Wie geht es ihrer Schwester? Ich habe sie lange nicht mehr gesehen … „ Ein träumerischer Schwermut schwang in der klangvollen Stimme der Arkadjewna mit, die eine innige Freundschaft mit der Schwester des Charkow Sprösslings pflegte, unter Artisten äußerst unüblich. Doch die beiden Frauen hatten sich irgendwann und nach vielen Anläufen als eigenständige Künstlerinnen  akzeptiert und somit den Weg für eine Freundschaft auf einer persönlichen Ebene ermöglicht. Die Frau warf dem Mann an ihrer Seite einen neugierigen Blick zu, auf der Suche nach Ähnlichkeiten zwischen den Geschwistern, die ihr bisher entgangen waren.
“Der Himmel ist voller Sterne“ - „Wohl wahr, doch die wahre Kunst ist es eine Kopeke in einer Diamantmine zu finden …“ entgegnete die Dunkelhaarige bestimmt, jedoch nicht aufdringlich. Mit dem Übertreten der Schwelle bot sich ihr ein durchaus imposanter Anblick: Das Foyer des Bolschoi-Theaters, dass bereits unzählige Sterne hervorgebracht hatte. Doch die Arkadjewna war trotz ihres Talentes und ihres Erfolgs darauf bedacht, stets die einzige saure Kirsche am Fruchtstand zu sein. Gewöhnlichkeit war ihr zuwider und sie wollte nach ihrer Karriere nicht in Vergessenheit geraten. Der Blick ihrer grauen Augen glitt über das kostspielige Mobiliar, wanderte über den Kronleuchter der im Licht glänzte, als sei er mit Diamantenstaub bedeckt. In den entblößten Schultern und Armen fühlte sie die marmorne Kälte; eine Empfindung, die sie besonders gerne hatte.   “Es tut mir tatsächlich nicht leid“ Annas Blick wanderte erneut zu Alexej, der sich mit seiner freien Hand über das markante Kinn strich. Sie musterte seine Gesichtszüge mit einer leichten Anspannung zwischen ihren Schulterblättern auf der Suche nach dem wahren Hintergrund für seine Worte und für sein Kommen. Es gab einen kurzen Augenblick in den vergangenen Wochen seit ihrem Zusammentreffen, in dem der Freigeist mit dem Gedanken gespielt hatte, dem Politiker einen Brief zukommen zu lassen. Doch dieser Brief blieb ungeschickt von ihr, denn diesen Brief hatte sie ihm nicht auf Papier, sondern in sein Gesicht, auf seinen Körper geschrieben. Unsichtbar, was ihr Mund auf seiner Haut hinterlassen hatte. Such wo meine Zunge war, such mein Lied in Deinem Haar.
“Als Entschuldigung begebe ich mich in Ihre Hände, Anna Arkadjewna, wohin möchten Sie mich führen?“ Die dichten, geschwungenen Brauen stiegen in die Höhe und verliehen den filigranen Gesichtszügen einen überraschten Ausdruck, der von einer erregten Neugierde geprägt war. Scheinbar reumütig übergab der Hochgewachsene das Zepter in die Hände der Frau ihm gegenüber, die es nur zu gerne wieder  in ihrem Besitz wusste. Die Lippen zogen sich zu einem vielsagenden Schmunzeln zusammen und das Grau ihrer Augen blitzten vom Instinkt beseelt. Für einen kurzen Moment, nur einen Augenblick, verblassten die Geräusche um die Arkadjewna, bis ein Kichern in ihrem Nacken ihre intimen Gedankengänge unterbrach. Die Russin räusperte sich kaum merklich, den Blick mit einem Aufschlag ihrer Augen senkend und wieder hebend, den Ruhestörer ausfindig machend. Unter dem kritischen Blinzeln der Arkadjewna, die ein einer höheren Welt lebte, als das Mädchen selbst, errötete sie nur noch mehr beim Anblick des gutaussehenden Politikers. “Ich bin mir sicher, Stiwa hat nach Dir gefragt.“ waren die etwas unterkühlten Worte Annas, die Savina ihre Schleppe zusammenraffen und mit einer unsauberen Verbeugung und raschen Schritten davonrauschen ließen. “ Sie ist eine meiner treusten Helferinnen … Ihre Anwesenheit verwirrt die Mädchen.“ floskelte Anna süffisant, dem Mädchen zunächst mit ihren Blicken folgend, da sie sich schüchtern lächelnd ein weiteres Mal nach Alexej umdrehte und dabei fast stolperte. Ein angespanntes Kribbeln zog sich Annas Wirbelsäule hoch, als sie dem Dunkelhaarigen einen scharfen und kritischen Blick schenkte, der sich am Ende als eigentlicher Störenfried herausstellen sollte. “Über das Auditorium werde ich Ihnen ja wohl kaum noch etwas sagen müssen, die neue Bühne...“ Diese Unterredung war rein geschäftlich und höchst professionell, so ließ sich der Freigeist nicht aus der Fassung bringen und setzte ihre Führung mit ausladenden Gesten fort; doch dieses Mal tat Anna der ersten Schritt und führte den Mann zu ihrer Rechten in die nächst höheren Etagen. “Das ein Mann ihrer Position überhaupt genügend Zeit für unser Theater findet… - Sie beehren uns wahrhaftig mit ihrer lukrativen Partizipation – Sind sie nicht müde?“ erkundigte sich Anna spöttisch lächelnd, als sie die ausladende und reich verzierte Treppe in einem raschen Tempo zu besteigen suchte und einen von reiner Unschuld gekennzeichneten Blick zuwarf. “Die Proszeniumslogen dürften einem Mann wie Ihnen wohlbekannt sein. Doch die üppige Zarenloge ist etwas ganz besonderes ...“ Geschmeidig löste sich die Arkadjewna von Alexej, sich dem Samtbezogenen Eingang zur Zarenloge nähernd. Der Schöngeist in ihr war immer wieder auf ein neues entzückt von den Stützen in Form von gebeugten Atlanten. Die reiche Vergoldung und die schwere, himbeerfarbene Drapierung der Vorhänge. Die Arkadjewna fand sich wieder vollends in ihrem Element, denn die materielle Schönheit vereinte sich mit ihrer Leidenschaft dem Theater. Mit einem leuchten in den Augen und einer rauen Röte auf den sommersprossigen Wangen wandte sie sich zu dem Politiker. “Es übersteigt jegliche Vorstellungskraft ...“ sprach sie mit einem erregten Flüstern und einem schneller schlagenden Herzen.
28.7.15 20:30