{PLACE_POEWEREDBY} Gratis bloggen bei
myblog.de

Anastasia hatte schon oft betont, dass sie keinen anderen Beruf hätte ausüben wollen als den ihrigen, und ihre Stimme hallte in diesem Moment in seinen Gedanken nach, während er den Blick durch das Theater schweifen ließ. Da sie, sofern die gut situierte Familie aus dem Adelsgeschlecht Charkow nicht aus unerfindlichen Gründen über Nacht an Vermögen und Ruf verlieren sollte, jedoch nie in die Verlegenheit gekommen wäre einen Berufsweg einschlagen zu müssen um Brot und Leben zu verdienen, konnte man die Aussage als entweder sehr naiv oder doch höchst passioniert betrachten. Sie war ein Mädchen, eine Träumerin, ein zarter Vogel in den Händen der männlichen Mitglieder der Familie; niemand hätte gewollt und erwartet, dass Nastja etwas täte, was ihr nicht gefiele – bereits die Aussicht, sie für etwas ziehen zu lassen was ihr behagte, war ihrem Vater sehr schwer gefallen; der Horizont des heimischen Haussegens war erst dann aufgeklart, sobald ersichtlich geworden war, dass Dima aus militärischen Gründen nach Moskau versetzt werden würde. Sicher, der Don Juan war eben nun einmal ein solcher und vermutlich mehr hinter den zarten Röcken der Tänzerinnen hinterher als auf das Wohlergehen der Jüngsten bedacht gewesen, aber zumindest ein Sohn in der Nähe des Kükens zu wissen war besser als gar keiner. Dann, als sich der Wind drehte und sich auch für Alexej eine Veränderung in seinem Leben abzeichnen musste, hatte ihr Vater gelacht. Drei Kinder hatte er, drei davon waren in Moskau! Er musste sich keine Sorgen mehr machen. Trotz dass sein Ältester von dräuendem, dunklen Charakter war und dem Alkohol mehr zusprach als den Frauen (obgleich er auch zu Letzteren einen angenehmen Genuss zu hegen pflegte), war aber nichts vergleichbar mit dessen unwiderruflichem Streben nach Einfluss. Im politischen Sattel wollte er die Fäden ziehen, nicht hoch zu Ross auf dem Felde, die Kandare, die er in seinen Händen hielt, führte das Zarenreich, nicht jedoch den Zaren selbst. Es wäre lästerlich und höchst strafbar sich über den Höchsten hinwegsetzen, nein, schlimmer noch, diesen stürzen zu wollen, und bei Gott, dies lag tatsächlich nicht in seiner Intention. Sein Platz war hinter dem Kaiser, unmittelbar und direkt, um dessen Rücken zu stärken und Russland zu überblicken. Sollte Zar sein und werden wer wollte, der Advocatus Diaboli würde immer dahinter stehen und seine Worte in dessen Ohr flüstern. Anastasia war in seinen Händen gut aufgehoben.

Auch er hatte dereinst im Theater gelernt, auch wenn er nicht dieselbe verträumte Ansicht auf dessen Kulissen und Intrigen, die es wohl gewiss gab, haben konnte. Seine Schwester lebte in ihrer eigenen Welt, in der sie wohlbehütet war: sie saß in ihrer kleinen Schneekugel, das Bolschoi, und ließ sich nicht von den Wirren der Welt da draußen beeindrucken. Kriege? Besorgniserregend, aber andere, wie ihre Brüder, würden das zu richten wissen. Seuchen? Der Zar bildete gute Ärzte aus, andernfalls bot der Tod eines oder einer Geliebten eine gute Basis für eine fabelhafte Sonette oder Elegie. Zumindest … glaubte sie das, denn sie war noch nie mit dem wahrhaft echten Tod direkt konfrontiert worden, nicht einmal ein Krankenhaus selbst hatte sie je betreten müssen. All das Schlimme und Hässliche fand jenseits statt, nicht jedoch in ihrem unschuldigen Herzen, das sich danach sehnte, die große Liebe zu finden. Eine die wärmte und alles heller machte, keine die im Bett begann und nach wenigen Minuten beendet war. Denn Alexej hatte es so ähnlich gemacht. Nachdem er von seinem weißen Schwan verlassen worden war und sein Augenmerk gänzlich auf das Walten und Wirken des Staates gerichtet hatte, hatte er nach einer Theateraufführung beschlossen, sich die Lehren der Musen zu eigen zu machen. Er hatte Reden schreiben und diese freilich ohne Patzer halten können, die Menschen aber hatte er als junger Mann nicht zu beflügeln vermocht, deren Seelen in Flammen zu versetzen, sie lodernd zu entfachen und für seine Sache zu begeistern. Er war gehört und dann wieder vergessen worden. Sein gutes Aussehen hatte ihm hingegen des Öfteren Tür und Tor geöffnet, oh, das wusste er, er war es jedoch irgendwann sehr leid gewesen, die wichtigen Details zwischen den Laken zu klären, indem er die gelangweilten Frauen einflussreicher und stets beschäftigter Männer hofiert hatte - auch hatte er seine Irina zwischen den Schenkeln jener Damen zu vergessen ersucht.

Das letzte Mal, dass er sich auf diese Art und Weise vorangebracht hatte, war mit Maria geschehen. Maria Ivanovna Kugarina war Schauspielerin gewesen (jetzt verheiratet und in Frankreich lebend) und hatte den Tausch von männlicher Zuneigung gegen Intonation, verbale Eingängigkeit und deutliche Sprache gerne und professionell vollzogen. Er hatte sogar das Gefühl gehabt, dass sie in Wahrheit noch sehr viel unberechenbarer gewesen war als er selbst, vermutlich hatte die wunderbare Rothaarige stets über diesen jugendlichen Adeligen amüsiert lachen müssen, spöttelnd und vergnügt, aber er war zu ambitioniert und jung gewesen, um das Kalkül dahinter zu verstehen. Die Grazie hatte seine ungeübte Stimme trainiert, sie volltönig und wohlklingend gemacht, so dass seine auditive Erscheinung mit jener seiner körperlichen Präsenz mithalten konnte. Nun wurde er nicht nur gesehen, sondern auch gehört – nachhaltig in den Köpfen der Menschen verharrend.

Als das Kichern erklang und sich zur allgegenwärtigen, geschäftigen Geräuschkulisse beimengte, hätte sich der Hochgewachsene nicht einmal eines Heben der Braue bemüht, die suchende Bewegung der Arkadjewna jedoch veranlasste ihn dazu es ihr zumindest dahingehend gleichzutun, dass er den Blick in jene Richtung wandte, in welcher der kindlich-frohlockende Laut seinen Ursprung gefunden hatte. Das hagere Mädchen mit dem geflochtenen, dicken Zopf sah ihnen überrascht sowie offenkundig ertappt entgegen, das feine Papier in seinen Händen raschelte leise, als es unter dem kritischen Fokus der Grande Dame errötete und die feinen Finger krümmte – oder war es viel mehr der Blick des Charkows gewesen, der diese heftige Gefühlsregung verursacht hatte? Was auch immer zutreffen mochte, ihm konnte es kaum gleichgültiger sein; Michail hatte ihm bereits die in zartem Tüll gekleideten Feen seines Ensembles präsentiert und es hatte bei ihnen nichts gegeben, was er nicht schon gesehen hätte. Die einzige Überraschung, die er nebst Anna hier hatte antreffen können, war die hohe Professionalität gewesen, mit welcher die Mitglieder bestochen hatten: mit großem Gleichmut und beinahe arroganter Ignoranz hatten es die Schönen zugelassen, dass der Financier bei mancher Schneiderin oder Anprobe mitsamt des Direktors zugegen sein durfte – er war teilweise nicht einmal wahrgenommen worden, die Aufmerksamkeit der Schauspielerinnen war wie das träge Blinzeln einer Katze gewesen und er schlicht und ergreifend nicht vorhanden. Kunstwerke, die sich ihrer ganzen oder nur teilweise verdeckten Blöße nicht gewahr waren, allesamt ästhetisch und sich ihrer Stellung bewusst. Hatte der Direktor ihn verführen wollen? Womöglich. Womöglich benötigte er mehr Geldanlagen, mehr Vertrauen, mehr Gunst, oder er wollte einfach nur mit seiner Familie, seinen Mädchen, werben, etwas, das der Politiker nicht mit ihm gemein hatte und womit er diesen ganz ungeniert ausstechen konnte. Michail hatte vermutlich nicht damit gerechnet, dass sich sein größtes Kleinod ganz freimütig in die Hände des Charkows begeben würde, denn dieses hatte er ihm bis zum Schluss vorenthalten. Dass er dabei die intime Vorgeschichte, die sie miteinander teilten, nicht wissen konnte, amüsierte Alexej dabei umso mehr. Das Gehabe seitens der Direktors war gewollt gewesen, aber nicht gekonnt.

"Ich bin mir keiner Schuld bewusst", erwiderte er gelassen, während er nur noch im Augenwinkel wahrnahm, dass das arme Mädchen beinahe gestolpert wäre; als dann jedoch er derjenige war, auf den sich Annas kritischer und scharfer Blick einpendelte, wandte er wiederum den seinen, um ihr direkt entgegenzusehen – sollte es sich womöglich um vage Eifersucht handeln? Oder fürchtete sie, dass er den glatten Verlauf der Proben stören könnte, weil die jungen Dinger vogelwild waren und über ihre eigenen Füße fielen? Die kleine Falte, die sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet hatte, glättete sich wieder, als er ihre vormals gefasste Vermutung wieder aufgriff: „Die Annahme, dass es sich um meine Schwester handele, derentwegen ich hier bin, kann ich zudem bestätigen“, plauderte er in ruhiger Nonchalance, indes er ein innerliches Lachen, gleichwohl stumm, verkniff. Auch Michail hatte auf die Reaktion, die seine Präsenz forderte, unwillig reagiert; er war tatsächlich ein Störenfried innerhalb der künstlerischen Mauern (zudem alleinstehend und prinzipiell auf der Suche, denn das mussten alle alleinstehenden Adligen sein, nicht?), und dann entkam seiner rauen Kehle ein amüsierter Laut, leise, der das Heben seiner Mundwinkel begleitete: „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als uns mit den Gegebenheiten zu arrangieren“, floskelte er aufgrund soviel Wahrheit in dieser Aussage in spöttelnder Amüsanz: „Zumindest das hat wohl die Politik mit der Schauspielerei gemein: man muss sich anpassen, um zu überleben“, und seine Aufmerksamkeit schweifte umher, indes man ihn in die höheren Etagen führte.

Alexej überließ der Dame gerne die Führung, die viel zu berichten hatte und ihrem Wortklang eine gewisse Tüchtigkeit verlieh, die das eigene, persönliche Interesse an ihrer Arbeit nur untermauerte, anstatt auf das schlüpfrige Thema, das sie ursprünglich verband, anzuspielen und auf Glatteis zu führen. Er kannte sie bereits aus einigen Vorführungen, ohne aber je eine besondere Vorliebe für ihre Stücke gefasst zu haben; es waren eher Zufälle gewesen, die ihm ihre Vorstellungskarten in die Hände gespielt hatten, dennoch hatte er sich nichtsdestotrotz sehr gut unterhalten gefühlt, wenn ihr die Bühne gehört hatte. Mit gutem Gewissen konnte man behaupten, dass Russland einige sehr gute Künstler hervorgebracht hatte und Anna war nicht nur eine von ihnen, sondern wurde unter Kennern als großartiges Schmuckstück gehandelt und verehrt. Man konnte sie nicht fangen, weil sie sich nicht fangen ließ. So einfach war das.


... und während sie in raschem, geübten Tempo die Treppe erklomm, folgte er ihr mit etwas Abstand und konnte nicht umhin, ob ihrer Frage eine Braue zu heben: „Zweifeln Sie etwa an meiner Kondition, Anna Arkadjewna?“, stellte er die spitze Gegenfrage und änderte nichts an seinem stetigen, schlendernden Aufstieg, der keine Mühen offenbarte, sondern nur die Idee nach Aussicht und Hastlosigkeit. „Wenn Sie hingegen wüssten, wie viele Entscheidungen 'Männer in meiner Position' in Theatern treffen, würde sich Ihnen diese Frage nicht stellen“, endete er zeitgleich mit dem Aufstieg der Treppe, so denn er die letzte Silbe ausgesprochen hatte. Er fuhr sich mit der Zunge über die glatte Seite seiner Zähne und verschränkte die Hände locker hinter seinem Rücken, da sich die Dunkelhaarige gänzlich von ihm gelöst hatte: „Russland ist seit jeher ein Land der schönen Künste, … Frankreich und Italien ziehen lediglich nach. Wenn es die Arbeit und die Zeit zulassen, verbringe ich letztere sehr gerne in einer Theaterloge“, und sein Augenmerk glitt eher wie beiläufig über die schön geformte Silhouette Annas, bevor dieser die steinernen Werke traf, die den Eingang säumten und als stumme Portalsteher fungierten; diese Schwelle gebührte dem Zaren, die Farben verrieten es, das Wappenfries über dem Türstock, sowie die verschwenderische Schönheit von Gold und Stuck. Seinen Schritten Einhalt gebietend, blieb er vor dem Eingang der Loge stehen, sein Blick glitt vom prunkvollen, russischen Adler zurück zur Arkadjewna, deren lebhaftes, strahlendes Gesicht etwas Faszinierendes an sich hatte. Die Erregung, die sie offenbar empfand, überraschte ihn, wenngleich er sich auch neugierig sah mehr über die Person, die sie war, zu erfahren. Die Zarenloge war ihm bisher tatsächlich nur ein einziges Mal untergekommen, nämlich beinahe exakt vor einem Jahr, und da war er auch noch verschnupft gewesen, weshalb er kaum Interesse für die Architektur, geschweige denn für das Stück hatte aufbringen können – was für eine ärgerliche Zeitverschwendung, missgünstiges Fatum! Mit einem rauen, wölfischen Lächeln auf den Zügen trat er an der Frau vorbei, um dieser die schwere, duftende Zederntür aufzuschieben und ihr den Vortritt zu überlassen: „Ich bitte drum“, verriet er galant und warf noch keinen einzigen Blick in die königlichen Gefilde hinein, denn dieser ruhte ganz und gar auf dem schönen Bildnis seines Gegenübers.

Danach eintretend und die Tür leise in das Schloss zurückführend, umrundete er anschließend das großzügige Sitzmobiliar, dessen Polster mit saphirblauem Samt bezogen waren. Dasjenige des Zaren und seiner Gattin war kaum zu übersehen: die gepolsterten Lehnen waren mit weichem Hermelin besäumt, die kunstvoll geschnitzten Sessel beinahe thronartig in ihrem Charakter, sowie deren Armlehnen und Stuhlbeine in Löwenpranken endeten; das heilige Paar saß vorne, alle anderen schräg versetzt hintendran. Unten also tobte noch immer das Leben, wohingegen hier droben die Zeit stillzustehen schien, nicht nur der altehrwürdigen, herrschaftlichen Natur des Raumes wegen, zwei Welten voneinander getrennt und doch eins seiend in diesem großen Ganzen des Gebäudes. Derjenige, der diese Loge im Sinn gehabt hatte, hatte all das auf einen Punkt gebracht: wer hier saß, der hatte es geschafft. Die Luft tief einatmend, trat Alexej zur vergoldeten Balustrade des Balkons vor und stützte sich mit beiden Händen auf dem kalten, marmornen Handlauf ab, die dunklen Augen nach unten wandern lassend. Das Zierrat der Balustrade beschrieb blättrige Ranken und blühende Blütenkelche, sowie sich das florale Muster in Form von handgefertigten, goldenen Stickarbeiten in den Vorhängen wiederholte. Schweigen bemächtigte sich für einen kurzen Augenblick seiner, seine kräftigen Finger, an deren linker Ringseite das silberne Wappenemblem seiner Familie blitzte, legten sich um den kalten Stein. Als er die tiefe Stimme hob, war diese nicht laut, nicht fordernd, sondern ein murmelndes Grollen gleich des Flüsterns eines entfernten Flusses:

"Sei gnädig Morpheus, und entrücke
Mich meiner bittren Liebesqual,
Mit einem holden Traum beglücke
Mich diese Nacht ein einzig Mal!
Laß nicht - wie stets - mein Herz beschweren
Der Trennung Fluch, der mich zerbricht,
Laß ihre Stimme nur mich hören,
Ihr einmal seh'n ins Angesicht!
Und wenn der Morgen wieder trennte
Mich von dem Traum, und ich erwacht,
Gib, daß ich dann vergessen könnte
Ihr Bild - bis zu der nächsten Nacht!
"

Alexander Sergejewitsch Puschkin, und während er rezitiert hatte, war sein Blick nicht von der Bühne gewichen. Dann, als er wieder aufsah und sich zu seiner Begleiterin umwandte, löste er die lockere Haltung seiner Arme, nur, um diese vor seinem Torso zu verschränken und sich mit dem Rücken gegen die Balustrade zu lehnen: „Der Direktor erwähnte vorhin beiläufig, dass er plane, dieses Stück in der Oper mit einflechten zu lassen“, er reckte das markante Kinn in erhabener Natur, anstatt das Haupt in eine seichte Schräge zu neigen: „Was halten Sie davon?“, und weil sie verhältnismäßig alleine waren, stellte sich ein gewisses Gefühl von Privatsphäre ein.

27.9.15 21:16