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Was für ein einfacher und doch schöner Zauber, wenn der aufgewirbelte Staub der Bühne und Vorhänge im warmen Licht der Kerzen die Sicht zu vernebeln schien, beinahe wie der Schnee vergangener Jahre, in dem die Arkadjewna getanzt hatte, während der Mond sanft in ihrem dunklen Haar gefunkelt hatte. Sie sah es vor ihrem geistigen Auge, sternenklar, als wäre es erst in der letzten Nacht so gewesen während die Klänge des Walzers sanft in ihrem Ohr nachhallten und sich schließlich auf ihren Lippen wiederfanden. Seine Haut und sein Stolz blieben ihr nicht lange und doch wollte sie kein Zaubermittel, dass ihn sie liebend machte, für länger als nur eine Nacht. So war es, dass ihre Arme seitdem leer blieben, ihre Finger strichen nicht über den nackten, starken Rücken des Mannes. Doch es sollte kein Verlust sein und auch ihre Seele geriet nicht in Not über die wenigen, kurzen Augenblicke, die wie ein strahlendes Licht erschienen, dass das Leben der Schauspielerin in der kalten Garderobe erhellte. Wie der glückliche Zufall es wollte, hatte der letzte kalte Wind des sich zu Ende neigenden Winters den aufstrebenden jungen Mann wieder in die Arme der nicht weniger aufstrebenden Schauspielerin geweht. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst" Die Arkadjewna wandte sich schwungvoll um auf der Suche nach dem ihr bekannten Augenpaar, das tatsächlich beinahe schuldlos in das Foyer blickte. “Nein, selbstverständlich nicht.“ Anna hob eine ihrer geschwungenen Brauen und kam nicht um ein Schütteln ihres Kopfes umhin, begleitet von einem kaum merklichen Schmunzeln. Die Wahrheit schien genauso nah, wie fern, doch es stand nicht im Interesse der Russin sich dieser Angelegenheit anzunehmen. Stattdessen würde sie mit dem Charkow an ihrer Seite ihren Weg fortsetzen. Ohne, dass das zufriedene Lächeln, welches sich über die Lippen der Frau gelegt und ihre Gesichtszüge erhellte, auch nur ansatzweise erlosch, suchte die Arkadjewna ihren Weg zu der Empore des Zaren, die sie mit schnellen, jedoch nicht weniger entspannten Schritten bestieg. Auf ihren Wangen, die mit wenigen Sommersprossen gesprenkelt waren, legte sich eine raue Röte, die ihre Züge weich zeichnete und der Dunkelhaarigen eine jugendliche Vitalität verlieh.

„Zweifeln Sie etwa an meiner Kondition, Anna Arkadjewna?“ Auf dem obersten Treppenabsatz wandte sich die Arkadjewna schwungvoll herum, nur um mit einem amüsiert beglückten Lachen und einer entwaffnenden Herzlichkeit den künftigen Financier des Theaters bei seinem mühelosen Aufstieg zu beobachten. Die Kopeke in der Diamantmine war bekannt dafür, mit ihrem Charme und ihrem Witz zu bestechen und zu entzücken, ohne sich schüchtern hinter Gepflogenheiten der Gesellschaft zu verstecken. Dennoch entgleisten augenblicklich ihre Gesichtszüge in gespielter Empörung. “Natürlich, sie haben Recht. Es war unverschämt von mir an Ihrer Kondition zu zweifeln, ehe ich mich nicht selbst von ihr überzeugen konnte“ Die grauen Augen blitzten. Die Mundwinkel zuckten. Nur für einen kurzen Augenblick erschien ein verräterisches, amüsiertes Grübchen in der Wange der Arkadjewna, welches ihre eigentliche Intention – die sie zu verbergen gesuchte – nur noch mehr unterstrich. Da war es wieder, das Spiel zwischen den Stühlen auf äußerst hohem Niveau. Sollte der Financier sich ruhig in ihr Leben schieben und später unter ihrer Hand verbrennen. So beugte sich die Schauspielerin zu dem jungen Politiker vor, der seelenruhig einen Schritt nach dem anderen tat. Das Haar, schwarz wie flüssiges Öl, viel der Frau ins Gesicht und über die schmalen Schultern, während ihre Lippen sich spitzten, ganz so, als wolle sie dem Mann ein dunkles Geheimnis anvertrauen, dass niemand auszusprechen wagen würde. “Tatsächlich tut es mir ebenfalls nicht leid“ flüsterte sie dem Charkow Sprössling zu, die Betonung seiner eigenen vergangenen Worte aufnehmend, während sich die geschwungenen Lippen kräuselten. Michails Liebling richtete sich tief einatmend wieder auf, machte jedoch auf dem Absatz kehrt um die Führung in all ihrer Belanglosigkeit fortzusetzen, die sanften Schritte des Financiers hinter sich vernehmend.

Die Plauderei fand auf dem obersten Treppenabsatz eine Fortsetzung in absoluter Gelöstheit, Zwanglosigkeit, Unbeschwertheit und herrlicher Beiläufigkeit. Die Nonchalance wirkte auf sie keineswegs hochnäsig, jedoch vielmehr entspannend und äußerst ansprechend; zumal bekannt war, dass zur Anmut eine Prise Beiläufigkeit und Ungekünsteltheit gehörten; und wenn diese in Begleitung ihrer Schwester, der Demut, auftrat, sei sie unbesiegbar.“ Zumindest das hat wohl die Politik mit der Schauspielerei gemein: man muss sich anpassen, um zu überleben.“ Anna nickte in höchster Aufmerksamkeit, die Aussage des Financiers bekräftigend. “Jedoch habe ich mir sagen lassen, dass die Schauspielerei – im Gegensatz zu der Politik – ein gewisses Talent erfordert. Aber dazu können Sie bestimmt mehr sagen. Ein Mann in ihrer Position ...“ Die Arkadjewna legte den Kopf leicht schräg, während sie mit entwaffnender Herzlichkeit in ihrer Stimme und vom weiblichen Instinkt beseelt, den Blick des Mannes suchte. „Wenn Sie hingegen wüssten, wie viele Entscheidungen 'Männer in meiner Position' in Theatern treffen, würde sich Ihnen diese Frage nicht stellen“ Sprach der dunkelhaarige und hochgewachsene Mann weiter, während er die letzten Schritte auf der Treppe tat. Anna kam nicht umhin bei den Worten Alexej' klang hell zu lachen. Ihre Hand legte sich zunächst an ihre Brust, eine dezente Geste, die ihr Amüsement, sowie ihr einfaches und fröhliches Wesen nur noch mehr unterstrich. Die Arkadjewna hatte sich daraufhin mit einem Lächeln im Gesicht erneut bei dem Politiker eingehackt, nur um mit ausladenden Gesten die Führung fortzusetzen und den starken Arm des Mannes bei jeder passenden Gelegenheit tätschelnd, stets den Schein wahrend, sich absolut hingebungsvoll einer respektablen und rein geschäftlichen Beziehung hinzugeben. “In diesem Fall muss ich als Schauspielerin versagt haben, wenn politische Fragestellungen hier geklärt werden und nicht in den Marmorsälen der Rathäuser.“ Die kleine Schauspielerin seufzte in höchster Theatralik, den Kopf über ihr tragisches Schicksal schüttelnd.

Die Zarenloge erweckte nun den Schöngeist in der jungen Frau zu neuem Leben und vergessen war die scheinbare Schmach über die mangelnde Aufmerksamkeit des Politikers gegenüber den Künsten des Theaters, schließlich gab es wichtigeres und – vielleicht auch – schöneres zu entdecken. Höflich, wie der junge Mann zu ihrer Seite war, überließ Alexej der Schauspielerin galant der Vortritt in die einladende Loge des Zaren. Ein Lächeln, dass Annas Lippen umspielte und ein dezentes Nicken zeugten von ihrem Dank an Alexej, für die gepflogene Höflichkeit, die er auch ihr entgegenbrachte. Die Dunkelhaarige trat einige Schritte an die Balustrade, die im Dunkeln lag. Gedankenverloren strichen die schlanken Finger der Russin über die vergoldete Verzierungen, während auf der Bühne weiterhin das Leben tobte und Fossette in den Armen Michails aufmerksam die Szenerie beobachtete. Eine angenehme Stille umgab die Schauspielerin, die in der vor Extravaganz nur strotzenden Zarenloge ihre Probenschuhe entdeckte und unter ihrem Rock zu verstecken suchte; waren es bereits ausgetretene Schnürschuhe, an deren aufgesprungenen Stellen das blaue Futter unter dem Leder bereits zum Vorschein kam, die sich jedoch so weich dem Fuß anpassten und deren dünne Sohlen so geschmeidig waren, wie die von Tanzschuhen. Das der Politiker nun seine Stimme erhob wie ein sanfter Sturm auf schwarzen Schwingen, hatte die Arkadjewna bei Weitem nicht erwartet. Mit angenehmer Stimme trug der Politiker die Zeilen Puschkins auf, als hätte dieser nie etwas anderes getan. Die angenehme Überraschung die alte Kunst der Poesie von einem Mann wie Alexej zu hören stand der Schauspielerin ins Gesicht geschrieben, als schlussendlich der Schlussakkord erklang und leidend der letzte Ton zu sterben schien.

“Sie überraschen mich auf ein Neues, Herr Charkow.“
gestand Anna schuldbewusst ein, die einen kurzen Augenblick verwirrt und unfähig war, klar zu denken. “Ihre Berufung sollten sie noch einmal überdenken. Vielleicht sind sie für staatsmännische Tätigkeiten geboren, aber ob sie auch dazu berufen sind?“ Sprach sie nach einigen kurzen Augenblicken des nachklingenden Genusses bewundernd aus und errötete beinahe kindlich. In unbefangener Offenheit – die bei so vielen auf vollen Beifall traf – trat sie den ein oder anderen Schritt auf den jungen Politiker zu, ihre Hand über die kalte Marmorbalustrade streichend. "„Der Direktor erwähnte vorhin beiläufig, dass er plane, dieses Stück in der Oper mit einflechten zu lassen“ Der Frei- und Schöngeist nickte mehr oder weniger beiläufig zu dem Kommentar des Financiers, über die Tragik hinter dem rezitierten Gedichts ehrlich seufzend. “Ach, die Liebe!“ Wie viel Tragik hatte die junge Frau auf der Bühne bereits ertragen müssen? Gebrochene Herzen, nicht enden wollende Sehnsüchte nach dem Liebsten. “Sie verträgt alles. Sie glaubet alles. Sie hoffet alles. Sie duldet alles.“ Anna wandte sich in sanfter Geschmeidigkeit um, sich gegen die Balustrade lehnend und der Bühne damit den Rücken zukehrend und ihr Gegenüber mit ehrlichem Interesse musternd. Was sie davon halten würde? Die Kälte, die von dem Marmor ausging, kroch der jungen Frau die Wirbelsäule hoch und eine gewisse Erregung machte sich in der Schauspielerin breit, getragen von einer höchst verschwenderischen Lust im Angesicht der literarischen Intelligenz des Politikers und der geschichtsträchtigen Kulisse in ihrem Rücken. “ Ich schätze Puschkin und sein Talent Tragik und Komik als Gegensätzlichkeiten zu vereinen.“ Anna fand sich in einer kurzen Denkpause wieder, während sie die Zarenloge aus einem neuen Blickwinkel betrachtete und den Zauber in sich aufsog, ganz so, als wolle sie jedes einzelne Detail verinnerlichen und in sich aufnehmen. “Seine Prinzipien der Dramaturgie und die Authentizität der Charaktere – die Glaubwürdigkeit der Handlung, das ungezwungene Arrangement der Figuren und Ereignisse ...“ Die Schauspielerin nahm einen großzügigen Atemzug, ehe sie erkannte, dass sie abschweifte und sich in das Thema hineinsteigerte. Sie schluckte bei dieser Erkenntnis und fand sich wieder errötend wie ein Schulmädchen. “Ich schätze Puschkin und halte daher viel von Michails Idee, dieses Stück in die Oper einflechten zu lassen“ antwortete die Russin daher ein wenig trocken, den Blickkontakt zunächst meidend. “Üben Sie sich gelegentlich in Phantasie? Eine alte, in Vergessenheit geratene Kunst.“
21.11.15 19:15