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(Jedoch habe ich mir sagen lassen, dass die Schauspielerei – im Gegensatz zu der Politik – ein gewisses Talent erfordert. Aber dazu können Sie bestimmt mehr sagen. Ein Mann in ihrer Position ...“ – sie sprach mit der geübten Unverbindlichkeit einer Dame, deren Zuhause die Bühne war, eine gewisse herzliche Koketterie einstreuend, um der Brisanz ihrer Worte die Schärfe zu nehmen, mit welcher sie wohl necken wollte, wenngleich sie sich auf glattes Eis begab, daran konnte auch ihre Ausbildung als Schauspielerin nichts ändern. Es gab Leute, die darüber lachen mochten, weil sie sich vom galanten Finger der Schönen eingewickelt sahen und die Aufmerksamkeit jener um keinen Preis verlieren wollten, er hingegen war, was solche Dinge betraf, recht eigen. Man wickelte ihn nicht ein. Entweder weckte man sein Interesse durch ansprechende Gesprächsthemen oder auch nicht – ein reizendes Gesicht auf einem ansprechenden Körper war nicht allein das, wofür es sich zu mühen lohnte. Zumindest nicht, um jene Venus länger an sich zu halten als das Bett vorgesehen hätte. Er mochte keine Frauen, deren bloßes Öffnen des Mundes ihm Kopfschmerzen bereitete, eine Tatsache, weshalb er General Eugen Evgenjewitsch um dessen Angetraute Varya bemitleidete, doch der arme Tropf hatte sich sein Schicksal selbst erwählt, als ihm die Wolgatochter einen Sohn geboren hatte, der auf keinster Weise Eugen ähnelte; einfältig, wer ein Tor war. Doch alle waren glücklich! Varya hatte ihren wohl verdienenden General, Eugen seine kakophonische Xanthippe und der kleine Sascha einen falschen Vater, der kein Säufer aus dem Hafenviertel war. Dazu gab es nichts mehr zu sagen. Um aber auf den Punkt des Gesagten zurückzukommen sei angemerkt, dass es sich bei Anna nicht um eine solch erwähnte Frau handelte, allerdings ließ er sich auch nicht an der Nase herumführen und von derlei Phrasen necken: "Ich bin den Göttern misslungen, drum kein Dramaturg - mein Kleinod ist es, zu führen, meine Dame. Doch die Antwort ist: Ja, gewiss. Drum hat man einen Schauspieler auch schon einmal auf dem Zarenthron gesehen", die spöttelnde Erwiderung sarkastischen Untertons bot ihrer herzlichen Stimme Paroli, da er im Begriff war, ob ihres Blickes, der seine Gestalt suchte, eine Braue zu heben, indes er selig lächelte und ihr ein vages Nicken zukommen ließ, auf dass sie weitergehen möge.)

 

Auf ihre Schuhe hatte er bisweilen nicht geachtet. Sie könnte einen Gläsernen solchen tragen oder gar vollkommen barfüßig sein, ihm wäre es schlicht entgangen, da er es zumeist versäumte, seinen Mitmenschen auf ihre Schuhe zu schauen, sofern es sich nicht gerade um einen Militär hohen Ranges handelte, dessen Stiefel aussahen, als habe man damit in den schlammigen Tiefen der Newa nach Gold gefischt. So musste sich Anna zumindest des blauen Futters ihrer alten Schnürschuhe nicht schämen, denn selbst wenn er irgendetwas in diese Richtung bemerkt haben sollte, so hatte er sich höflich nicht weiter dazu geäußert. Stattdessen hatte er sehr wohl ihr heiteres Gemüt bemerkt sowie die feinen Sommersprossen, die sich, je nach Mimik, tänzelnd über ihre Nase zogen – sie spielte ihre Rolle gut. Michail den Wind aus den Segeln nehmend und dessen Vorsicht dahingehend eindämmend, da sie sich dem Financier gegenüber so verhielt, wie man es von einer tüchtigen Geschäftsdame erwarten durfte, der daran gelegen war, ihre Arbeit gut an den Mann zu bringen. Es gab ausschließlich das Bolschoi und dessen mit Stuck verzierten Decken, die exquisiten Lüster, Gemälde an den Wänden und die Herrschaften, die hier bereits aus und eingegangen waren und das bevorstehende Stück, natürlich, andernfalls wäre eine längere Unterredung kaum von Nöten. Es musste sein, dass sie die Hauptrolle bekam! Einfach, weil sie sie war und es in diesen Hallen nichts Strahlenderes gab, womit Michail aufwarten konnte, um dem Financier das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Fassade hielt und niemand ahnte auch nur im Ansatz, was eigentlich dahintersteckte; dass er die Kopeke in der Diamantmine bereits kannte, besser noch, als man ihnen zusprechen mochte. Ob er sie vermisst hatte? Nein. Aber er hatte oft genug daran zurückgedacht, um Anastasias Wunsch nicht vollkommen abgeneigt gewesen zu sein.


Und nun standen sie hier. Er hatte die Balustrade bequem im Rücken, da er sich nonchalant gegen das glatte Marmor lehnte, die Arme vor der breiten Brust verschränkt habend und in das attraktive Gesicht der Arkadjewna blickend, deren Ausdruck eine perplexe Überraschung verriet, die ihn beinahe hätte lächeln lassen. Es war ihm zwar nicht daran gelegen gewesen sie in irgendeiner Art und Weise zu beeindrucken, nun aber, da er den Nebeneffekt bemerkte, konnte er nicht umhin sich geschätzt zu fühlen, wenngleich er wusste, wozu er imstande war. Andernfalls wäre er ein schlecht beratener Politiker mit durchschnittlicher Präsenz und einer ebenso langweiligen Aussicht auf Erfolg. Dennoch – oder aber gerade deshalb, um den Schein zu wahren - nahm er mit einem Senken des Kopfes ihr Kompliment, er habe sie auf ein Neues überrascht, entgegen, und die Winkel seines Mundes kräuselten sich eines spielerischen Amusements: „Sie ehren mich, Anna Arkadjewna. Liegt die Kunst des Lebens aber nicht genau darin, sich niemals zur Gänze zu zeigen? Stille Wasser sollten bekanntlich tief sein“, und er spielte niemals mit offenen Karten. Der Trick war, die Menschen denken zu lassen, er täte es – sie sollten sich sicher bei ihm fühlen, geborgen und verstanden. Menschen, die sich wohl fühlten, erzählten viel. Geheimnisse waren es, die ihn seit jeher interessierten und Geheimnisse waren es auch, die einem Staatsmann das Genick brechen konnten; und je mehr man über die Geheimnisse eines anderen wusste, desto heißer wurde das Spiel. Alexej hingegen bemühte sich stets um seine weiße Weste. Leider musste es ihretwegen auch sein, dass er sich eine geeignete Frau an seine Seite holte, eine mit rechtschaffener Reputation, einem makellosen Hintergrund und im besten Falle sogar mit politischen Kontakten. Im Grunde wäre Maija Chairowa die perfekte Kandidatin dafür, die Nichte des Zaren, die Taube auf dem Dach. Sie gefiel ihm nur leidlich, die blonde Hoheit, aber sie brachte von Haus aus alles mit, wonach er suchte und er wusste, dass er sich langsam daran machen musste, der beliebten Unverheirateten den Hof zu machen, bevor die Konkurrenz es zu bunt trieb. Mit Sicherheit hatte sein Ruf auch bereits ihre erlauchten Ohren erreicht: ein einflussreicher und konsequenter Adliger aus gutem Hause, ein erfolgreicher Heerführer, der sich auch der Bekanntschaft des Zaren sicher war sowie der Aufmerksamkeit allerhand Frauen alleinstehenden Standes. Man munkelte unter geschwungenen Spitzenfächern, dass so manches Mädchen Rubel en masse hatte rollen lassen, um sich die perfekte Garderobe maßschneidern zu lassen, nur, damit der Charkow sie beachten möge. Mit wenig Erfolg, wie es schien, schließlich war besagter Adliger noch immer unverheiratet und der goldene Ring befand sich noch immer in der Schatulle im linken Fach seines Schreibtisches, ach.


Er musterte die Dunkelhaarige vor sich, sie war ob ihrer Worte errötet, und trat nun näher auf ihn zu – die sanfte Dynamik dieser Bewegung ließ ihn die Pomade ihres MakeUps sowie ihr Parfum erahnen und indes sie die Hand auf die Balustrade legte, wandte er seinen Blick von ihrem feinen Profil ab, ehe er diesen über seine Schulter und hinunter warf: der Trubel um den Hund war gelegt, Gott sei es gedankt. Er schwieg für einen Moment, während er den Kopf zurück nach vorne richtete, um das Augenmerk gen Zarenloge schweifen zu lassen: „Meine Berufung“, sinnierte er ruhig: „Ich bin für das Schauspielhaus nicht geeignet. Ich bringe nicht die nötige Muse mit, fürchte ich. Zudem möchte ich die Feder, die mein Leben beschreibt, selbst in der Hand halten, als die Werke anderer zu durchleben“, er behielt für sich, dass auch seine Schwester ihm dereinst, wenn auch aus einem Scherze heraus, jenen Vorschlag hatte angedeihen lassen, nachdem sie seiner feurigen Ansprache einer öffentlichen Rede beigewohnt hatte. Er war gewaltig und feinsinnig in Wort und Intonation sowie im Sinnen und Trachten seines Handelns. Aber er wollte Russland nach seinem guten Willen führen und nicht dessen Bürger dazu bringen, öfter ins Theater zu gehen. "Dies überlasse ich Künstlern wie Ihnen, die mehr davon verstehen und wissen, wann es sich für eine Rolle zu sterben lohnt“, ein leises, tiefes Lachen entglitt seiner Kehle, als er vollkommen unverbindlich weiter plauderte: „Eine Dame Ihres Standes sagte mir dereinst, als ich noch an den Anfängen meiner Arbeit stand, ich spreche wie ein Karpfen ohne Wasser“, und Maria Ivanovna Kugarina hatte das vollkommen ernst gemeint. Dann verlagerte er das Gewicht von einem Bein auf das andere, um die Füße auf Knöchelhöhe zu überkreuzen: „Was alles im Übrigen nichts damit zu tun hat, dass politische Fragestellungen hier ...“, er nickte allumfassend gen Loge: „... besprochen werden, anstatt in den Marmorsälen der Rathäuser. Wir verbringen nur gerne unsere Zeit in Theatern“, ein Lächeln wetzte sich an seinen Mundwinkeln entlang: „Haben Sie schon einmal einer Öffentlichen Runde beigewohnt? Wenn nicht, möchte ich Sie ausdrücklich dazu ermuntern, dann wüssten Sie alsbald, worauf ich anzuspielen gedenke.


Jedoch hätte er nicht gedacht, dass seine zufällige Wahl des Gedichts eine derartige Wirkung haben könnte, weshalb er innerlich lächeln musste, schließlich hatte er es mit einer Schauspielerin zu tun, einer fabelhaften wohlgemerkt, und keinem Laien. Selbstverständlich musste sie für dieses Thema schwelgen, ein Grund, weshalb er es überhaupt angesprochen hatte, ihre Reaktion überraschte ihn dennoch und er ließ sie gerne gewähren, indem er sie ausreden ließ und ihr bei der kleinen Schwärmerei zuhörte. Schön, wie und für was sich Menschen begeistern konnten, etwas, das er auch an Nastya hatte sehen dürfen, und deshalb hatte sie ihm auch Puschkin zum Lesen gegeben, erheiternd, dass er davon so rasch hatte Gebrauch machen können. Bezüglich ihres poetischen Kommentars der Liebe wegen äußerte er sich gleichfalls nicht, da für ihn das Kind bereits in den Brunnen gefallen war und er kaum den Erwartungen und Wünschen seiner Mitmenschen gerecht werden konnte, allen voran nicht jenen des anderen Geschlechts.


Erneut umfing ihn die Note ihres Odors und er atmete ruhig ein, da sie sich direkt zu ihm gesellte, ebenfalls den Rücken an die Balustrade gelehnt, so dass er sich des abermaligen Errötens ihrer nicht gewahr werden konnte, als sie ihren Fauxpas, der im Wesentlichen keiner war, zu ausschweifend gesprochen zu haben, bemerkte. Sie setzte ihrer Schwärmerei ein jähes Ende. Nachdenklich eine Braue hebend, neigte er den Kopf erst in eine seichte Schräge, ehe er zu ihr herübersah, ihr Profil ob ihrer Blickkontaktweigerung in Augenschein nehmen könnend, er schmunzelte: „Ich kann zwar nun nicht sagen, ob Ihre Meinung über Pushkin oder doch die über Michail die größere ist, aber ich nehme Ihren Rat gerne und dankend entgegen. Sobald wir unseren Rundgang beendet haben, werde ich ihm meinen Entschluss äußern können“, und er nahm den Blick nicht von ihr, ohne dabei ein starrendes Gefühl zu hinterlassen, da das, was sie ihn im Anschluss daran gefragt hatte, ihn ehrlich verblüffte: „Phantasie?“, wiederholte er überrascht, mit Fug und Recht behaupten könnend, dass man ihn schon vielerlei Dinge gefragt hatte, nicht jedoch dieses. „Nun, ich ...“, begann er überlegend, die dunklen Brauen herabziehend und sich sichtlich Gedanken darüber machend, anstatt ihre Frage als lächerlich zu empfinden und abzuwinken. Im ersten Moment dachte er natürlich an jene kindliche Spielart sich die Welt auszumalen und Gefallen an Erfundenem zu finden, obgleich er davon ausging, dass sie womöglich nicht diese Art von Phantasie gemeint hatte. Als Zweites musste er wohl daran denken, was nun sein Bruder antworten würde, um zu schockieren: selbstverständlich übte er sich in Phantasie! Ansonsten wäre es alleine doch recht mühsam und langweilig. Etwas, was Dimitri stets den Männern zugeschrieben hatte, sofern es nur weich, gerundet und anschmiegsam war. Nastya hingegen würde den kindlichen Charme an der Phantasie verteidigen, das Ausmalen der eigenen Zukunft, der eigenen Hochzeit, der eigenen Kinder, … und Alexej, wovon träumte er? Macht? Irina? Er schüttelte vage den Kopf, gespielt resigniert die Braue hebend: „Geben Sie mir einen Anhaltspunkt. Oder beantworten Sie die Frage für mich – üben Sie sich in Phantasie?

3.1.16 16:27