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Schöne Dinge fragen nicht nach Aufmerksamkeit, das war auch die Philosophie der jungen Russin, dem aufstrebenden Stern am russischen Firmament, die sich mit ihrer scharfen Zunge gewiss das ein oder andere Mal auf Glatteis bewegte und doch Bescheidenheit an den Tag zu legen pflegte. Die Arkadjewna vertraute in dieser Hinsicht voll und Ganz auf ihr Selbstbewusstsein, Charme und gesunden Menschenverstand. All dies schaffte es, sie aus brenzligen Situationen zu retten, wenn die Schauspielerin sich einmal wieder mehr als Meisterin des Fettnäpfchenwetthüpfens entpuppte. Doch eine innere Stimme flüsterte ihr, dass sie in der Gesellschaft des jungen Politikers nichts zu befürchten hatte. "Sie verzeihen mir mein freches Mundwerk, Herr Charkow?" Süß war die Stimme der jungen Frau, voller Unschuld und so manch einer mochte sich in diesem Moment vielleicht fragen, wie unschuldig die Worte, die der Arkadjewna über die schön geschwungenen Lippen drangen, tatsächlich sein konnten. Der Politiker war dennoch bestrebt, sich die Neckereien der jungen Schauspielerin nicht gefallen zu lassen und suchte stattdessen nach den passenden Worten, sich zu erklären. Den Göttern - wie heidnisch - sei er misslungen, woraufhin die Dunkelhaarige in stummer Süffisanz die Lippen kräuselte. Sie empfand die Tatsache, dass der Sprössling der Charkows sich und seine Fähigkeiten in einem klaren Licht sah und seine eigene Grenzen erkannte, als äußerst erfrischend. Nicht selten fand sich die Arkadjewna im Dialog mit eingebildeten Schnöseln, denen Bescheidenheit und Ehrlichkeit ein absolutes Fremdwort war. "Doch ich bin froh, dass Sie mir heute die Führung vertrauensvoll übergeben. Ich verspreche, Sie sollen dies nicht bereuen." Anna schenkte dem Jungen Charkow ein letztes Lächeln, ehe sie ihren Worten selbst Taten folgen ließ und die Führung erneut übernahm. Stunden hätte die junge Frau in der Zarenloge verbringen können, ebenso wie auf der Bühne, insbesondere, wenn sie sich ein einer angenehmen und erfrischenden Begleitung befand. Wenn ihre Arbeit getan war, dann fand sie sich nur zu gerne hier wieder, um den anderen Schauspielern und Dramaturgen bei Ihrer Arbeit zuzusehen und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Dabei wurde der Kopeke jedes Mal aufs neue in einem Moment der Stille bewusst, dass ein jeder auf der Bühne sein eigenes Leben hatte, dem er auf irgendeiner Art und Weise zu entfliehen versuchte. Doch heute galt die Aufmerksamkeit der jungen Frau ausschließlich und alleine dem dunkelhaarigen Mann zu ihrer Seite, der sie mit Poesie und geübter Stimme beeindruckte, und zugleich mit seinem Einfluss und Geld zum Erfolg des Theaters beitragen sollte . Die Arkadjewna machte keinen Hehl aus ihrer Überraschung und war sich jedoch gleichzeitig nicht zu schade, die zauberhaft vorgetragenen Verse aufs vollste zu loben. Die Lippen des Mannes kräuselten sich, was dem vorhergehenden Beitrag nur noch entzückender hinterließ. „Sie ehren mich, Anna Arkadjewna. Liegt die Kunst des Lebens aber nicht genau darin, sich niemals zur Gänze zu zeigen? Stille Wasser sollten bekanntlich tief sein." Die Arkadjewna ließ ihren Kopf sanft von einer zur anderen Seite fallen, konnte sie dem Politiker nicht vollends zustimmen. "Jedes menschliche Wesen stellt ein tiefes Geheimnis für alle anderen dar, bis dieses Geheimnis jemanden anvertraut wird - " Stellte sie friedlich und mit klarer Stimme fest, während sie sich erneut umwandte und dem regen Treiben des letzten Aktes beobachtete. Bald würde alles vorbei sein und dann würden auch ihre Kollegen ihr Hab und Gut zusammen packen, um den Abend in der Stammkneipe ausklingen zu lassen. "- dann besteht die Möglichkeit, dass zwei Wesen sich entdecken. " schloss sie ihre leicht romantisch beseelten Gedanken kurzerhand ab, ihr Antlitz dem Politiker zuwendend und diesen neugierig und ohne Hehl musternd. "Ich komme nicht umhin mich zu fragen, wie tief Ihr Wasser ist, Herr Charkow?" fragte sie, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten, die Seelenspiegel leicht zusammenkneifend, während einer ihrer Mundwinkel in die Höhe zuckte. "Nun, es ist sicherlich einen Sprung ins kühle Nass wert." Ein wissendes Zwinkern ihrer grünen Augen begleitete ihre abschließenden Worte, ehe sie sich auf ein Neues von den unentdeckten Talenten des Mannes überraschen ließ. Der Politiker ließ auch nicht lange auf sich warten und zitierte mit wohl gewählten Worten Puschkin, was sofort das Interesse der jungen Schauspielerin weckte, hegte sie eine stille Leidenschaft für die Künste des Mannes und erschien sofort Feuer und Flamme zu sein. „Ich bin für das Schauspielhaus nicht geeignet. Ich bringe nicht die nötige Muse mit, fürchte ich. Zudem möchte ich die Feder, die mein Leben beschreibt, selbst in der Hand halten, als die Werke anderer zu durchleben“. Der Politiker suchte sich zu Annas Kommentar, er möge seine Berufung überdenken, zu erklären, was der Schauspielerin ein Lächeln entlockte. Sie selbst könnte sich nicht vorstellen, ein einziges Leben zu leben. Jedes einzelne Leben, in das sie über kurz oder lang schlüpfte bereicherte die Dunkelhaarige in gewisser Weise und sie war überzeugt, dass jedes einzelne fiktive Leben ihr die Möglichkeit bot, ihren eigenen Horizont zu erweitern.  Willenlos gab sich die Frau in die Hände des Autors. Ließ sich vom Regisseur in Ketten legen nur, damit ihrem Geist Flügel wachsen konnten. Flügel, die sie in die Ferne trugen. Die sie für Leibe kämpfen und für Liebe sterben ließen. Muttermord. Vatermord. Das Drama spitzt sich zu und mit angehaltenem Atem lauscht der Saal dem Flügelschlag. Die ganze Welt für sich erfahren; viel mehr fühlen. “Ich möchte so viel mehr, als bis jetzt schon geschehen ist“ Leise gab die Künstlerin ihre Sehnsucht preis. Eine tiefe Sehnsucht, die vielleicht der Schlüssel zu ihrem Erfolg war, denn er ließ ihr Publikum glauben und fühlen, sie habe den einen verzauberten Prinzen getroffen; auch wenn Anna dies erst in Kapitel drei in Erfahrung bringen sollte. "Dies überlasse ich Künstlern wie Ihnen, die mehr davon verstehen und wissen, wann es sich für eine Rolle zu sterben lohnt“ Auch die Frau stimmte gelöst in das Lachen des Mannes mit ein, seine Hand in vollkommener Zustimmung drückend. “Sie haben Recht. Sterben will geübt sein und ein Politiker wie Sie es einer sind, darf im Kabinett nicht fehlen!“ - „Eine Dame Ihres Standes sagte mir dereinst, als ich noch an den Anfängen meiner Arbeit stand, ich spreche wie ein Karpfen ohne Wasser“ Ein weiteres, entspanntes Lachen konnte sich die Arkadjwena bei Weitem nicht verkneifen. Viel zu entspannt war ihr Gemüt im selbigen Augenblick und viel zu Wohl fühlte sie sich mit ihrer aktuellen Gesellschaft, als dass sie sich den Spaß hätte verderben lassen wollen. “Ich bin überzeugt, meine geschätzte Kollegin übertrieb es maßlos. Und sollte dem nicht der Fall gewesen sein, so hat sie hervorragende Arbeit geleistet. Keineswegs könnte man bei Ihren Reden an einen bärtigen, gestrandeten Karpfen denken!“ Ein letzter, sehnsüchtiger Blick glitt über die Bühne. Die Dunkelhaarige reckte ihr Kinn etwas in die Höhe, tief einatmend und nicht vergessend während der aufstrebende Politiker die strebsame Schauspielerin ausdrücklich dazu ermunterte einer öffentlichen Runde beizuwohnen. Ein zustimmendes Nicken folgte, ehe sich die Grande Dame des Theaters erneut bei dem Herren einhackte und ihn mit einer ausladenden Geste erneut zur Tür bat, um die Zarenloge schweren Herzens wieder zu verlassen. “Gewiss werde ich mir Ihren Rat zu Herzen nehmen. Ich werde das Theater höchstpersönlich ins Rathaus bringen, sodass die wichtigen politischen Entscheidungen, wieder am richtigen Ort getroffen werden – Wenn Sie mir bitte folgen würden … “Anna Arkadjewna trat aus der Zarenloge zurück in das einladende Foyer des Theater. Es schien, als würde eine plötzliche Kälte sie umgeben und ihre Wirbelsäule empor kriechen. Kalte Finger des Winters, die nach ihr Griffen und die feinen Haare im Nacken zu Bergen stehen ließen. Den Rundgang fortsetzend, jedoch langsam aber sicher auch einem Ende entgegenblicken, sinnierte die Schauspielerin über die letzten Worte des dunkelhaarigen, hochgewachsenen Mannes zu ihrer Seite. “Ich habe eine sehr hohe Meinung von Pushkin, wie könnte ich nicht? Doch ich habe auch vor Michail große Achtung. Er gab mir die Möglichkeit zu der Person zu werden, die ich heute bin. Ohne ihn hätte ich vielleicht nie diese zauberhafte Gelegenheit bekommen, Sie durch unser schönes Theater zu führen.“ Anna hatte beim Sprechen den Kopf leicht schräg gelegt, sodass das lange, dunkle Haar weit über Rücken und ihre schmalen Schultern fiel. Die leicht philosophisch angehauchte Frage Annas schien den jungen, wortgewandten Politiker tatsächlich aus der Fassung zu bringen. Seine scharf geschnittenen, markanten Gesichtszüge schienen für einen kurzen Augenblick zu entgleisen und es schien, als würden seine Gedanken auf der Suche nach einer passenden Antwort wie Gewehrsalven durch seinen Kopf schießen. “Ich habe Sie doch nicht etwa aus dem Konzept gebracht?“ lautete ihre leiste Frage, die keiner Antwort bedarf, hüllte sich der Politiker zunächst noch in ein nachdenkliches Schweigen. „Geben Sie mir einen Anhaltspunkt. Oder beantworten Sie die Frage für mich – üben Sie sich in Phantasie?“ Auch Anna ließ es sich während der abschließenden Führung nicht nehmen, sich einen kurzen Augenblick lang Gedanken zu machen und den Mann zu ihrer Seite nicht sogleich mit einer Antwort zu belohnen. Doch es dauerte nicht lange, da folgte auf die Frage, die er ihr zurück gestellt hatte, ein kurzes, bestätigendes Nicken. “Selbstverständlich. Jeden Tag auf ein Neues. Streichen Sie die Phantasie fort und die meisten Genüsse unsres Daseins sind nicht mehr des Erwähnens wert.“ Sinnierte die junge Frau vor sich hin, den Herren mit sanfter Gewalt weiter durch das Prunkstück Moskaus führend. “Aber Phantasie benötigt Zeit, daher ist es keine Schande, wenn Sie keine passende Antwort parat hatten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man die schönsten und vielseitigsten Künste erst im Laufe der Zeit zu schätzen lernt. Vielleicht ist es mit der Politik ganz ähnlich?“ Eine weitere Treppe, ein weiteres, einladendes Foyer und ehe sich das ungleiche Paar noch weiter in einem Gespräch vertiefen konnte, fand es sich auch wieder am Haupteingang zum Theatersaal wieder. Ein leises Seufzen glitt der Schauspielerin über die geschwungenen Lippen, das Bedauern über die sich dem Ende zuneigende Führung zum Ausdruck bringend. Die Schauspieler auf der Bühne hatten sich bereits für den Abend zurück gezogen und verbrachten nun entweder ihren Feierabend gemeinsam in einer der Garderoben oder zogen durch die Stadt, auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer und Sinnesaustausch. “Bedauerlicherweise weiß ich nicht, wo Michail sich aufhält. Wenn es Ihr Wunsch ist, werde ich nach ihm Suchen. Für ein abschließendes Gespräch?“ Mit wenigen ungekünstelten Worten bot Anna ein weiteres mal höflichst ihre Dienste an und schenkte dem Financier des Theaters einen erwartungsvollen Blick, geduldig auf seine Entscheidung und Antwort wartend. Schließlich lag es nun in seiner Hand, ob sie die Hauptrolle erhalten würde oder nicht.
21.2.16 17:31